New Yorker Welt ist wieder OK
Babys mit dem Namen Electric oder Electra?

Die Lichter am Broadway strahlen wieder, doch es ist vor allem dieses vertraute Grummeln aus der Tiefe, das den New Yorkern signalisiert: Die Welt ist wieder okay. „Wenn wir unsere U- Bahn hören“, sagt Nico Gordon, der auf dem Broadway einen Souvenirstand besitzt, „sind wir beruhigt. Wenn nicht, ist allen klar: New York hat ein ernstes Problem.“

HB/dpa NEW YORK. Probleme gab es jede Menge, seit am Donnerstag um 16.10 Uhr Ortszeit sämtliche elektrischen Uhren der Acht-Millionen-Metropole stehen blieben. Bis überall wieder Strom aus der Steckdose kam, vergingen 28 Stunden und 52 Minuten. Das war der längste Blackout in der Geschichte New Yorks. Und wenn alles zusammen gerechnet ist, wird man sicher sagen, dass es auch der bislang teuerste war.

Doch andere Negativrekorde blieben aus. Es gab keine Horden von betrunkenen Ganoven, die Brände legten und Geschäfte ausraubten, wie beim Blackout 1977. „Das ist wie Weihnachten“, riefen damals Plünderer Kameraleuten entgegen, ehe sie ungestraft entkamen. Nichts dergleichen erlebte New York diesmal. Dazu trug ganz sicher bei, dass in Windesweile mehr als 10 000 bewaffnete Polizisten im Einsatz waren.

Sichtlich stolz war Bürgermeister Michael Bloomberg auf seine New Yorker, die allerdings seit dem 11. September 2001 mit Schlimmerem als einem Stromausfall vertraut sind. Gelassen und diszipliniert hätten sie die Krise bewältigt, lobte er. Sie hätten sich gegenseitig und auch den vielen Besuchern der Stadt aus aller Herren Länder geholfen. „New York ist wirklich die zweite Heimat der ganzen Welt.“

Für viele war das jedoch nur ein schwacher Trost. Selbst in der Nacht zum Sonntag saßen noch tausende Reisende im „Big Apple“ fest, weil nach hunderten gestrichenen Flügen der Flugverkehr erst langsam wieder anlief. „Fahren Sie nicht zu einem Airport, wenn sie keinen bestätigten Flug haben“, hieß es immer wieder in Radiodurchsagen. „Ich bin am Donnerstag für einen Theaterbesuch eingeflogen und wollte Samstag zurück“, erzählt ein Arzt aus New Orleans. „Die Bühne blieb dunkel, der Rückflug fiel aus. Aber am Montag komme ich weg, sagt jedenfalls die Airline.“

Eimerweise schütteten am Wochenende die kleinen Speiserestaurants in China Town Hummer und Garnelen, Hühner-, Enten- und Schweinefleisch in Abfallcontainer. „Ich habe gerade ein paar tausend Dollar auf den Müll geworfen“, klagt Xin Tao, Besitzer einer chinesischen Kochstube. „Schön dass wir wieder Strom haben, aber wer ersetzt mir meine Verluste?“

Doch bei allem Ärger überwog am Wochenende sichtbar die Freude darüber, dass New York wieder im bekannten Lichterglanz erstrahlt. „We've got the Power“, jubelte die große Boulevardzeitung „New York Daily News“ in Anlehnung eines Titels der Popgruppe Red Alert. Zu den letzten, bei denen wieder Power aus der Steckdose kam, gehörte der 29-jährige Greg Selmour im Wohnviertel Flatbush. „Wir rannten auf die Straße und umarmten uns“, erzählt der Einwanderer. „Bei mir zu Hause in Haiti fällt der Strom ja andauernd aus, aber dass so was auch in Amerika passiert, hätte ich nie gedacht.“

Zur allgemeinen Nach-Blackout-Fröhlichkeit gehörten die Scherze über den angeblich in neun Monaten bevorstehenden Baby-Boom. „Wenn es eine Tochter wird“, riet ein Rundfunkmoderator, „dann nennen Sie das Kind doch am besten Electra und für einen Jungen bietet sich Electric an.“ Doch hunderttausende New Yorker waren nach dem Blackout gar nicht in die Betten, sondern auf die Straße gegangen. „Ohne Klimaanlage“, sagt Marisa Houston, eine Physiotherapeutin aus Brooklyn, „war es doch in den Wohnungen viel zu heiß."

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