„No C in K & C“
Aufruhr in Kensington

Londons Bürgermeister Ken Livingstone will die City-Maut für Autos den Nobelstadtteil Kensington ausdehnen. Doch die angedachte Ausweitung der Maut-Zone passt den Bürgern gar nicht.

HB LONDON. Bewohner des Londoner Luxusstadtteils Kensington fallen nicht unbedingt als politische Aktivisten auf. In diesen Tagen jedoch kleben an einigen Nobelkarossen des Viertels gelbe Aufkleber mit einer eher kryptischen Botschaft: „No C in K & C“. Damit protestieren die Bürger gegen die von Londons Bürgermeister Ken Livingstone angedachte Ausweitung der Londoner City-Maut („Congestion Charge“, bekannt durch das weiße C im roten Kreis) in die Stadtteile Kensington und Chelsea (K & C).

Nicht dass die Maut ein Flop wäre – im Gegenteil. Das Konzept, in einer 22 Quadratkilometer breiten Zone der City Autos werktags zwischen 7 und 18.30 Uhr nur gegen eine Gebühr von fünf Pfund (rund 7,50 Euro) fahren zu lassen, hat sich bewährt. Diverse Skeptiker sahen nach dem Start im Februar 2003 London schon im Chaos versinken: Tatsächlich nahmen die im Stadtgebiet aufgestellten Kameras anfangs Hunderte falscher Nummernschilder auf. Zudem trieb die zuständige Firma Capita die 80 Pfund-Strafen säumiger Zahler nur schleppend ein. Längst haben sich die Kritiker beruhigt, auch weil die Maut ihre wichtigste Aufgabe erfüllt: Massenstaus auf Londons Straßen sind seltener geworden. Zu Kernzeiten fahren heute 15 Prozent weniger Autos in der Zone als vor gut einem Jahr. Nach Ansicht der Behörden haben die Verzögerungen damit um fast ein Drittel abgenommen. Die Gebühr ist so erfolgreich, dass Livingstone statt der avisierten 120 Mill. Pfund im ersten Jahr nur etwas mehr als die Hälfte einsammeln konnte. Viele Pendler lassen ihr Auto stehen und ziehen den öffentlichen Nahverkehr vor.

Ein so erfolgreiches Konzept sollte man ausdehnen, dachte sich also Bürgermeister Livingstone – und erntete einen Sturm der Entrüstung. Die Londoner Stadtversammlung warnt, die Dinge zu überstürzen. Die Lokalverwaltung von Kensington und Chelsea packte den Anti-Maut-Slogan gleich auf ihre Homepage. Und die vom gesamten Projekt enttäuschte Londoner Handelskammer legte einen Strauß von Zahlen vor, der den schnellen Niedergang des Einzelhandels in der aktuellen Zone dokumentiert. Dabei hat Livingstone bislang nur einen ersten Konsultationsprozess gestartet. Mit einer Entscheidung rechnet niemand vor der nächsten Bürgermeister-Wahl Mitte 2005. Die Zone würde nicht vor Mitte bis Ende 2006 ausgedehnt.

Abseits aller Sprüche muss sich der Mayor gravierender Einwände bewusst sein. Vor allem: Anders als in der jetzigen Maut-Zone etwa leben in Kensington und Chelsea überwiegend Anwohner. Damit sind die Straßen dort längst nicht so verstopft wie in der City. Auch die Befürworter der Maut sind deshalb vorsichtig. Sollte Livingstone die Maut erweitern, stehen ihm harte Kämpfe bevor. Ein Sprecher der britischen Handelskammer sagt, die Opposition sei diesmal „robuster“ als bei der Einführung der „Congestion Charge“. Er räumt aber auch ein, dass der Bürgermeister diesmal umfangreicher konsultiert.

Wie das Projekt Erweiterung auch ausgeht: Dem vermeintlichen Horrorszenario der Gegner, dass die Gebührenzone bald ganz London umfasst, sind natürliche Grenzen gesetzt. Technisch stößt schon die für Kensington und Chelsea angedachten Verdoppelung des Einzugsgebiets an ihre Kapazitätsgrenze.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%