Nordic Walking
Weg mit den Stöcken!

„Nordic Walking“ ist ein auslaufender Fitness-Trend aus jenen vergangenen Zeiten, als Deutschland noch am Stock ging. Das war damals, als das Land angststarr in den Abschwung blickte. Eine Polemik.

„Ein jedes hat seine Zeit“, ermahnt uns der Prediger (8,6) in der Bibel. Recht hat er. Seine Erkenntnis gilt für die nächste Kreditrahmen-Verhandlung ebenso wie für das übernächste Brainstorming oder die überübernächste Unterausschuss-Sitzung „Oberleitungswesen“.

Und sie galt auch einmal für die Fortbewegungsart namens „Nordic Walking“, die perfekt in eine Zeit passte, als Deutschland noch am Stock ging.

Das war damals, als wir angststarr in den Abschwung blickten, während die Börsenkurse in den Orkus rutschten wie Schmitz’ Katze. Die Angststarre bemächtigte sich auch unserer Leiber; wir suchten Stützen und Halt und (er)fanden das „Nordic Walking“.

Kein Park, nirgends, dessen sich nicht, stickeldi, stöckeldi, wildentschlossene Spießläufer bemächtigten, Hunde, Kinder und Liebespaare verscheuchend. Kein Spazierweg, über den es nicht klickte bzw. klackte und auf dem sich nicht ahnungslose Flaneure jäh eingekeilt sahen von keuchenden Marschformationen in Stechschritt-Orgien, ihre Stöcke wie Speere vor dem Bauchansatz präsentierend. Dabei schauten sie hochnäsig und in grimmiger Verbissenheit, als ginge es um den Weltgeist und nicht einfach darum, ein paar Pfunde wegzustechen.

Heinrich Heine, der olle Spötter, muss die Verbissenheit der nordischen Marschierer ziemlich präzise vorhergesehen haben. Wie sonst wäre er in „Deutschland. Ein Wintermärchen“ auf die folgenden Zeilen gekommen? „Noch immer das hölzern pedantische Volk, / Noch immer ein rechter Winkel / In jeder Bewegung, und im Gesicht / Der eingefrorene Dünkel. / Sie stelzen noch immer so steif herum, / So kerzengerade geschniegelt, / Als hätten sie verschluckt den Stock, / Womit man sie einst geprügelt.“

Heine war einmal. Heute haben wir den Aufschwung. Arbeitsmarkt, Konjunktur, Wachstum – alles paletti. Kein Grund mehr, Deutschland, am Stock zu gehen. Höchste Zeit vielmehr, jenen Irrläufer der Sport-Evolution endlich zu stoppen, der einst aus Finnland als „Sauvakävely“ zu uns herüber stach und unserer aus dem Tritt geratenen Stockindustrie als „Nor- dic Walking“ gerade recht kam.

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