„Not Your Habibti“ Das #MeToo der Palästinenserinnen

Eine junge, palästinensisch-amerikanische Frau zieht gegen sexuelle Belästigung zu Felde. Selbst in Ramallah, der liberalsten Stadt im Westjordanland, bringt sie damit viele gegen sich auf.
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Konservative und Aktivisten lehnen ihre Aktionen ab. Quelle: AP
Jasmin Mdschalli kämpft gegen sexuelle Belästigung

Konservative und Aktivisten lehnen ihre Aktionen ab.

(Foto: AP)

RamallahJasmin Mdschalli kämpft gegen eines der großen Tabu-Themen in der palästinensischen Gesellschaft: sexuelle Belästigung. Die 21-Jährige, die lange in den USA gelebt hat, verkauft T-Shirts, Kapuzenpullis und Jeansjacken mit dem Slogan „Nicht Dein Liebling“ („Not Your Habibti“). Sie wolle eine Diskussion in Gang bringen, vor der viele wirklich Angst hätten, sagt sie, während sie die bedruckten Kleidungsstücke in einem Laden auf Kleiderhaken hängt. 

Konservative und Aktivisten lehnen ihre Aktionen ab. Der Kampf gegen die israelische Besatzung habe doch viel höhere Priorität, heißt es aus diesem Lager unter anderem. Auch ihre Eltern, die in der Region aufwuchsen, dann in die USA auswanderten und vor wenigen Jahren ins Westjordanland zurückkehrten, seien nicht begeistert. „Um mit ihnen Frieden zu haben, muss ich meinen Feminismus an der Tür abgeben. Das fällt mir sehr schwer, weil ich wirklich so bin“, sagt Mdschalli. Im vergangenen Jahr ist sie ins Westjordanland zurückgekehrt. Zuvor hatte sie an der University of North Carolina ihren Abschluss in Kunstgeschichte gemacht. 

Mdschalli und anderen Aktivistinnen geht es nicht darum, die #MeToo-Bewegung in den USA zu kopieren. Die kulturellen Unterschiede machten einen anderen Ansatz nötig, sagen sie. Auch wenn die Frauen in der arabischen Welt in den vergangenen Jahren mehr Rechte erreicht haben, ist die Gesellschaft dort noch immer extrem patriarchalisch geprägt. Frauen, die gegen die strengen Geschlechterrollen verstoßen, riskieren schwere Konsequenzen – bis hin zur Ermordung durch männliche Angehörige. Die Gerichte zeigen sich dabei oft noch sehr mild mit den Tätern.

In den Städten sind die Regeln nicht ganz so streng wie auf dem Land. Doch selbst in Ramallah, der liberalsten Stadt im Westjordanland, müssen westlich orientierte Palästinenserinnen und Ausländerinnen aufpassen. 

Wafa Abdelrahman betreibt eine geschlossene Facebook-Gruppe für Journalistinnen. Wenn Frauen sich über Übergriffe beschwerten, liefen sie Gefahr, dass man ihnen selbst die Schuld dafür gebe, sagt sie: „Der Vorwurf lautet dann: Sicher hast du etwas Falsches getan oder das falsche Signal gegeben, die Art, wie du dich anziehst, wie du sprichst.“

Die palästinensische Polizei bekommt nach Aussage eines Sprechers wenige Beschwerden über sexuelle Belästigung auf der Straße. Die Frauen fürchteten womöglich unbeabsichtigte Folgen, wie dass männliche Angehörige dann den Belästiger angreifen würden. Die Polizei habe vor allem mit Belästigungen über das Internet zu tun. Das seien rund ein Drittel der 2000 Internet-Strafsachen im vergangenen Jahr gewesen. Meist gehe es um Erpressung, oft mit vermeintlich kompromittierenden Fotos, auf denen sich beispielsweise Frauen aus traditionell lebenden Familien ohne Kopftuch zeigten. 

Den Frauen fehle es trotz einiger Verbesserungen in jüngerer Zeit an juristischem Schutz, sagt Amal Kreische, Gründerin einer palästinensischen Gruppe für Frauenrechte, die von Mdschalli unterstützt wird. Gesetzesreformen stockten wegen der politischen Krise in der Region, und Präsident Mahmud Abbas will das Gesetz nicht per Dekret ändern. „Das ganze Gerede von der Gleichbehandlung der Frauen und ihren Rechten sind Lippenbekenntnisse“, sagt sie.

Trotzdem gebe es auch kleine Veränderungen. Immer mehr Frauen suchten Beratung bei ihrer Gruppe. In den vergangenen zwei Jahren habe man rund 200 Fälle an die Polizei weitergegeben, sagt Kreische. In den Jahren davor seien es nur ein paar Dutzend gewesen.


Mdschalli versucht, mit verschiedenen Aktionen Aufmerksamkeit für mehr Schutz der Frauen zu erreichen. Die Idee, Kleider mit einer feministischen Botschaft zu designen, stammt noch aus ihrer College-Zeit. Damals hatte sie ihre Jeansjacke mit dem Slogan „Nicht dein Liebling“ beschriftet und zum Internationalen Frauentag ein Bild davon online gepostet. Das Foto weckte das Interesse einiger Käufer. 

Einige Monate lang kaufte sie Second-Hand-Jacken, stattete sie mit dem Slogan aus und verkaufte sie weiter. Im vergangenen August eröffnete sie Werkstätten in Gaza und im Westjordanland, wo auch T-Shirts und Kapuzenpullis hergestellt werden. Rund 500 Kleidungsstücke hat sie nach eigener Aussage bislang verkauft. 

Skeptiker bezweifeln allerdings, dass solche Aktionen Auswirkungen auf die palästinensische Gesellschaft haben. Nader Said, ein palästinensischer Meinungsforscher, sagt, der öffentliche Diskurs werde von anderen Themen bestimmt, wie der israelischen Besatzung oder der Frage nach einem künftigen palästinensischen Staat. Frauenrechte standen bei den Topthemen einer Umfrage fast am Ende, sagt er. 

Aktivistin Abdelrahman sieht das anders. „Ich bin offen für alles, was Licht in dieses dunkle Geheimzimmer bringt, das wir lieber verstecken und dann so tun, als wäre alles in Ordnung“, sagt sie. „Lasst es uns öffnen und sehen, was dabei herauskommt.“



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