Oberlandesgericht revidiert Urteil
Lindh-Mörder muss nicht ins Gefängnis

Das Stockholmer Oberlandesgericht hat die Einweisung des Mörders von Schwedens Außenministerin Anna Lindh in eine geschlossene Psychiatrie verfügt.

HB STOCKHOLM. Der Mörder der schwedischen Außenministerin Anna Lindh ist nach Einschätzung des Stockholmer Gerichts psychisch krank und muss daher nicht ins Gefängnis. Statt der in erster Gerichtsinstanz beschlossenen lebenslangen Haft werde nun für den 25-jährigen Mijailo Mijailovic die psychiatrische Behandlung in einer Anstalt empfohlen, urteilte das übergeordnete Gericht am Donnerstag in einem Berufungsverfahren.

Der Sohn serbischer Einwanderer hatte die 46-jährige Sozialdemokratin Lindh im September 2003 in einem Stockholmer Kaufhaus mit mehreren Messerstichen tödlich verletzt. Mijailovic hatte die Tat gestanden, aber eine Tötungsabsicht gegen die Mutter zweier Kinder bestritten.

In erster Instanz war das Gericht auf der Grundlage psychologischer Gutachten, die den Angeklagten für schuldfähig erklärten, dem Antrag der Staatsanwaltschaft gefolgt und hatte Mijailovic zu lebenslanger Haft wegen Mordes verurteilt. Jetzt urteilte das Gericht anders, da die Messerattacke auf die schwedische Außenministerin am 10. September 2003 das Werk eines Zufallstäters war - und kein geplanter Anschlag mit politischem Hintergrund, wie im Mordfall Olaf Palmes.
So stufte das Berufungsgericht am Donnerstag den Mord an der 46-jährigen Politikerin als Tat eines psychisch schwer kranken und haftunfähigen Mannes ein. Und Oberstaatsanwältin Agneta Blidberg nannte das einstimmige Urteil nach entsprechenden psychiatrischen Gutachten „nicht überraschend“ und zollte den Richtern „Respekt“ - trotz ihres Antrags auf lebenslange Haft.

Auch außerhalb des Gerichtssaales wurde das Urteil nüchtern aufgenommen. „Das Gericht signalisierte mit seinem Urteil, dass Anna Lindh ihr Leben lassen musste, weil die schwedische Gesellschaft Mijailovic keine ausreichende psychiatrische Behandlung gegeben hat“, sagte der Strafrechtler Christian Diesen. Mijailovic selbst hatte nach seiner Festnahme die Tat gestanden, als Motiv den „Zwang innerer Stimmen“ angegeben und erklärt, er habe kurz zuvor mehrfach vergeblich um psychiatrische Hilfe gebeten.

Den Ausschlag bei der Verurteilung zu Haft in erster Instanz wie auch bei der Einweisung in die Rechtspsychiatrie in der Berufung gab jeweils ein psychiatrisches Gutachten. Im ersten wurden Mijailovic sowohl Schuld- wie Haftfähigkeit bescheinigt, während ein für das Oberlandesgericht erstelltes Alternativgutachten zu gegenteiligen Schlussfolgerungen kam. Diesen ist überzeugt, dass die Staatsanwaltschaft wegen der unterschiedlichen Gutachten und der grundlegenden Bedeutung des Mordfalles Anna Lindh nun den Obersten Gerichtshof als dritte und letzte Instanz anrufen wird.

Viel wichtiger als die Frage von Gefängnis oder Psychiatrie ist für die Polizei der neue Schuldspruch wegen Mordes. „Für die schwedische Polizei ist es sehr gut, dass die Arbeit an diesem Fall mit einer Verurteilung für die Tat abgeschlossen worden ist“, sagte Reichspolizei-Sprecherin Ann-Marie Begler. Sie verwies auf den Palme-Mord 1986 als immer noch offener Wunde für Schweden. Nach dem Freispruch des in erster Instanz verurteilten Kleinkriminellen Christer Pettersson im Berufungsverfahren gilt der Fall nach 18 Jahren als unaufgeklärt. „Kurz nach dem Mord an Anna Lindh sah es so aus, als würde das ein neuer Fall wie Palme. Aber jetzt haben wir die Täterfrage geklärt“, meinte Oberstaatsanwalt Sven-Erik Alhem: „Alles andere hätte das schwedische Rechtssystem nicht verkraftet.“

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