Österreich
Nataschas Entführer könnte Komplizen gehabt haben

Die österreichische Polizei geht Hinweisen nach, wonach der Entführer der nach acht Jahren Geiselhaft freigekommenen Natascha Kampusch Komplizen gehabt hat. Erstmals veröffentlichten die Behörden Fotos des unterirdischen Verlieses der jungen Frau.

HB WIEN. Natascha Kampusch war als Zehnjährige auf dem Weg zur Schule verschleppt worden. Eine zwölfjährige Freundin hatte damals ausgesagt, sie habe gesehen, wie Natascha von einem Mann in einen Lieferwagen gezerrt worden sei, den eine andere Person gelenkt habe. Nach Angaben von Kampusch hatte ihr Peiniger sie gezielt als Opfer ausgesucht. Das sagte die junge Frau der Polizistin, die sie nach ihrer Flucht betreute. „Wenn es nicht an diesem Tag gelungen wäre, dann bei einer anderen Gelegenheit“, gab die Beamtin Sabine Freudenberger die Angaben im österreichischen Fernsehen wieder.

Auf den in österreichischen Zeitungen abgedruckten Fotos ist eine winzige fensterlose Kammer mit einem Hochbett, einem Schreibtisch, einem Waschbecken und einem WC zu sehen. Der Polizei zufolge war das Versteck in einer schalldichten Grube unter der Garage eines Hauses in Strasshof rund 2 mal 3 Meter groß. Von außen war der Zugang durch eine rund 150 Kilogramm schwere Tresortür gesichtert. Natascha war am Mittwoch die Flucht gelungen, als ihr Entführer kurz unaufmerksam war. Der 44-Jährige warf sich daraufhin vor einen Vorortzug und nahm sich so das Leben.

Sie habe ihren Entführer „Gebieter“ nennen müssen, berichtete Natascha den Ermittlern aus der Zeit ihrer Gefangenschaft. Die Beamtin Freudenberger sagte, sie gehe davon aus, dass das Mädchen sexuell missbraucht worden sei. „Das ist ihr aber selbst nicht klar. Sie hat das immer freiwillig gemacht, hat sie gesagt“, sagte die Polizistin Sabine Freudenberger. Die Polizei steht mit der behutsamen Befragung der jungen Frau, die von der Öffentlichkeit abgeschirmt an einem geheimen Ort untergebracht ist, erst am Anfang. Natascha wird von einer Psychologin betreut.

Ihr Entführer habe sie in der Gefangenschaft auch unterrichtet, mit Büchern versorgt und fernsehen und Radio hören lassen. „Diese Frau ist gebildet, sie ist hochintelligent“, sagte Freudenberger. Sie sei sehr blass und mager, aber bei guter gesundheitlicher Verfassung. Natascha habe der Polizei gesagt, sie habe ihren Peiniger immer wieder gebeten, sie gehen zu lassen.

Der österreichische Polizeipsychologe Thomas Müller sieht bei dem Täter eine „hochgradig sadistische Motivation“, da er sein extrem junges Opfer über einen so langen Zeitraum gefangen gehalten habe. Aus Sicht des Psychologen charakterisieren drei Kriterien den Täter: Er sei jemand, der in hohem Maße Macht und Kontrolle ausüben wolle. Dafür spreche, dass er die Bewegungsfreiheit seines Opfers eingeschränkt und das Mädchen in einem Bunker eingesperrt habe. Der Entführer sei zudem sehr planvoll vorgegangen und habe die Tat präzise vorbereitet. Als drittes Merkmal nannte Müller die extreme Introvertiertheit, gepaart mit Gefühllosigkeit: Der Entführer habe Natascha zu einem Objekt degradiert.

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