Offene Deponien ruinieren Pakistan
Müll: Aus den Augen, aus dem Sinn

Sie verschandeln die Natur, sie belasten die Umwelt, sie stinken zum Himmel: Offene Müllkippen gibt es in Pakistan zuhauf. Die Landbevölkerung leidet. Und kaum jemand kümmert sich um das Problem.

IslamabadHamid Kayani hält sich die Nase mit einem Taschentuch zu und zeigt auf die stinkenden Berge von Müll, die sich weniger als einen Kilometer von seinem Dorf entfernt auftürmen. „Seit die Regierung vor rund zwei Jahren angefangen hat, den Müll von Rawalpindi hier abzuladen, ist unser Leben eine Hölle“, sagt der 55-Jährige. Die Garnisonsstadt nahe der pakistanischen Hauptstadt Islamabad produziert etwa 950 Tonnen Müll am Tag. Abgeladen wird er in Losar, 40 Kilometer nordwestlich der Metropole. Die Müllhalde von Losar ist von vier Dörfern mit insgesamt 4000 Menschen umgeben. Alle, sagt Kayani, litten unter dem Gestank.

Der stinkende, hässliche Müllabladeplatz ist nur einer von vielen. In Pakistan, wo jährlich 20 Millionen Tonnen Hausmüll produziert werden, gebe es Hunderte solcher Halden, berichtet Mahmood Khwaja, Fachmann für Chemikalien und Giftmüll am Sustainable Development Policy Institute, einem Think Tank in Islamabad. „Das Problem der Müllverwertung wird immer komplizierter und ernster, weil die Anlieger der Müllhalden oft sehr arm und ungebildet und sich der Gefahren nicht bewusst sind.“ Zudem fehle es noch an einer Gesundheitsversorgung.

Das Abladen von Müll auf offenem Feld verschmutze die Umwelt, einschließlich Boden, Wasser und Luft, und führe zu gesundheitlichen Problemen, sagt Khwaja. In Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen kämen jedes Jahre 8,4 Millionen Menschen an den Folgen von Umweltschäden ums Leben, sagt er und beruft sich auf Angaben des UN-Umweltprogramms UNEP und der Weltgesundheitsorganisation WHO. Rund zehn Prozent dieser Menschen seien Opfer verseuchter Müllhalden.

Die Müllbeseitigung kostet Pakistan Geld, viel Geld. Rund 112 Milliarden Rupien (1 Milliarde Euro) pro Jahr, wie ein Mitarbeiter der pakistanischen Umweltschutzbehörde mitteilt. Umweltschutz habe aber trotzdem keine Priorität. „Die Leute wollen in erster Linie eine sauberere Stadt sehen. Ihnen ist egal, wie der Müll letztendlich entsorgt wird“, sagt der Mitarbeiter, der anonym bleiben will, weil er nicht mit den Medien sprechen darf.

Die Städte immerhin sind inzwischen sauberer. Die Müllabfuhr von Rawalpindi (RWMC) unterzeichnete 2014 einen Vertrag mit der türkischen Firme Albayrak für die Müllabfuhr, das Müllunternehmen von Lahore (LLWC) beauftragte die ebenfalls türkische OZ-Pak. „Wir arbeiten mit voller Geschwindigkeit, und man kann sehen, dass die Straßen sauber sind“, sagt Kenan Gulen, Pressesprecher für Albayrak in Rawalpindi.

Die ausländischen Firmen haben das Stadtbild verbessert, das Müllproblem für die Landbevölkerung aber verschärft. „Unsere Aufgabe ist es, Müll und Abfall in der Stadt zu sammeln. Wir sind nicht für die Abladeplätze verantwortlich“, sagt Gulen.

Das Fehlen von Desinfizierungs- und Recyclinganlagen ist nach Meinung des Mitarbeiters der Umweltbehörde ein Hauptgrund dafür, dass der Müll einfach in der Natur abgeladen wird. „Wir haben keine modernen Müllverwertungsanlagen, außer einer, die kürzlich in Lahore gebaut wurde.“ Normalerweise, so räumt er ein, werde der Müll einfach abgekippt und vergraben.

Vor ein paar Jahren richtete die größte Provinz Punjab im Osten des Landes ihre ersten Müllverwertungsfirmen ein, um das Problem zu lösen, darunter auch je eine für die Provinzhauptstadt Lahore und für Rawalpindi. Laut der RWMC soll es bald eine zweite Anlage in Rawalpindi geben. Der Bau von ordentlichen Müllverwertungsanlagen könne das Umweltproblem in dem 180-Millionen-Einwohner-Land zumindest teilweise lösen, meint Khwaja.

Doch etwas ganz Wichtiges fehle noch, fügt er hinzu: „Wir brauchen ein auf Informationen basierendes System, um zu wissen, wie viel Müll von der Industrie, dem Gesundheitssektor, der Landwirtschaft, von Haushalten und Büros produziert wird.“ Etwas anderes sei aber noch wichter: „Eine Strategie für ein umweltfreundliches Müllmanagement.“

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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