Ohrstöpsel
Laut sind nur die anderen

Mich aus dem Alltagsgetöse auszuklinken, liebe ich. Bevor ich zum Friseur gehe, schiebe ich mir Ohropax in die Ohren, denn ich kann nur in völliger Stille das Wohlgefühl beim Haarewaschen und Spitzenschneiden genießen.

BERLIN. Mich aus dem Alltagsgetöse auszuklinken, liebe ich. Bevor ich zum Friseur gehe, schiebe ich mir Ohropax in die Ohren, denn ich kann nur in völliger Stille das Wohlgefühl beim Haarewaschen und Spitzenschneiden genießen.

Auf dem Nachhauseweg lasse ich sie gleich drin, weil mir meist meine Nachbarin im Flur auflauert. Sie plappert wie immer über Wellensittich-Schnupfen und Kassler-im-Angebot – ich jedoch befinde mich, milde lächelnd, im geräuschlosen Ego-Laufställchen meines Ich-Universums.

Zu Hause schaut mein Freund gerade ein Formel-1-Rennen – für mich zum Glück hundertprozentig knatterfrei. Meine Tochter stürmt hinzu, knallt mir die Mathearbeit hin, gestikuliert wild – ich ahne angesichts der 5 minus, welch geballte Ladung von Ausreden und Verbesserungsbeteuerungen gerade auf mich niederprasseln. Ich aber ruhe in mir, als hätte ich eine Stunde Joga gemacht.

Auch wenn ich Zug fahre, schwöre ich auf Ohropax, um nicht zum akustischen Spanner diverser Verwicklungen im ICE-Abteil zu werden. Wie sonst kann man sich aus dem ungefragt dargelegten Privatleben wildfremder Leute raushalten? Der Schweizer Autor Peter Weber sagte über seine Grundvoraussetzungen, um schreiben zu können: „Ich brauche dazu nicht viel. Einfach einen Quadratmeter Platz – und Ohropax.“ Nach Aussage des Herstellers liegt die Zahl der jährlich verkauften Stopfen bei 25 Millionen! Selbst Musiker wie von Motörhead und Iron Maiden, die um den Titel „Lauteste Band der Welt“ spielten, schafften dies nur mit Lärm-Entschärfern.

Auch Tennisspieler wollen nicht darauf verzichten – zu jedem professionellen Training gehören Übungsstunden mit Lärmstoppern. Denn die Sportler sollen nicht nur hören, ob sie den Ball genau in der Mitte des Schlägers getroffen haben, sondern es auch bewusst sehen.

Und wer einmal in einem Großraumbüro gearbeitet hat, kennt die verzweifelten Versuche, sich Gummibärchen oder Kleenex-Schnipsel in die Ohren zu drücken, um dem permanenten Krach zu entfliehen.

So erging es den Mitarbeitern der neuen niederländischen Botschaft in Berlin. Da die Akustik in den engen Zimmern nicht zu ertragen war, weil jedes Geräusch zu einem Höllenlärm anwuchs, griff das Team zu den Ohrstöpseln.

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