Oktoberfest-Auftakt
Neues Zelt, alte Probleme

Am Samstag schauen alle nach München. Das Oktoberfest eröffnet – ohne das legendäre Festzelt „Hippodrom“. Die illustre Gästeschar muss sich an eine neue Location gewöhnen. Die Probleme drum herum bleiben die Gleichen.
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MünchenWenn er Pech hat, blamiert er sich kräftig. Am Samstag um 12 Uhr muss Münchens neuer Oberbürgermeister das Oktoberfest eröffnen – zum ersten Mal. Und das geschieht traditionell mit dem Anstich eines großen Bierfasses. Dieter Reiter hofft, dass seine Premiere nicht allzu lang dauert, sonst könnten die Menschen ungeduldig werden. „Drei oder vier Schläge. Mehr sollten es nicht sein“, lautet die Vorgabe, die sich Sozialdemokrat Reiter selbst gibt. Und er hofft: „Ich gehe davon aus, dass meine Umgebung und ich trocken bleiben.“ Die Messlatte liegt hoch: Vorgänger Christian Ude (SPD) war 2005 der erste Münchner OB, der nur zwei Schläge brauchte.

Ein 200-Liter-Fass mit einem einzigen Schlag anzuzapfen, ist Experten zufolge nicht angeraten. Das würde das Fass zu sehr erschüttern und damit das Bier zum Schäumen bringen. Die „Wiesn“ schäumen in diesem Jahr schon genug: Die Preise sind abermals gestiegen, ebenso die Sicherheitsbedenken. Oktoberfest heißt aber nicht nur grenzenloser Bierkonsum, nicht nur regionales Volksfest. Für die Münchener Schickeria wie für die Wirtschaft sind die „Wiesn“ Kontaktbörse wie Laufsteg gleichermaßen. Entscheidendes Puzzleteil: Die Festzelte und deren Wirte.

In den vergangenen beiden Jahren kamen jeweils 6,4 Millionen Besucher, in dieser Größenordnung dürfte es weitergehen. Und auch der Bierkonsum dürfte wohl kaum abnehmen - 6,7 Millionen Maß Bier tranken die Oktoberfestgäste 2013, im Jahr davor waren es sogar 7,4 Millionen. Auch die inzwischen auf rund zehn Euro pro Maß gestiegenen Bierpreise schrecken da offenbar nicht ab. Mittendrin Prominenz aus Film, Funk, Fernsehen, Sport – und eben der Wirtschaft. Das Stichwort „Compliance“ ist aktueller denn je, der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff kann ein Lied davon singen. Der ewige Reigen um sehen, gesehen werden und Meetings zwischen Bierkürgen erhält in diesem Jahr erstmals seit 30 Jahren wieder eine neue Anlaufstelle.

Nachdem Promi-Wirt Sepp Krätz kurz nach dem Prozess gegen Uli Hoeneß wegen Steuerhinterziehung zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt wurde, verlor er seine Konzession für das von Promis aus dem Showgeschäft und Sport bevorzugte Hippodrom. Das Zelt wird nun nicht mehr aufgebaut. Die Münchner Szene ist aber nicht obdachlos – die neuen Wirtsleute Siegfried und Sabine Able durften am Standort des Hippodroms ihr neues Marstall-Zelt mit 3500 Sitzplätzen errichten. Der an die prächtigen Festzelte des 19. Jahrhunderts angelehnte Zeltbau sorgt mit einer ungewöhnlichen Farbmischung aus Pink, Orange und Grün für Aufsehen.

Direkt am Haupteingang steht die neue Bierburg. Der Platz ist prominent, die Gäste sind es auch: Hier feierten bisher im Hippodrom Boris Becker, Wladimir Klitschko oder Franz Beckenbauer. Das Hippodrom gehörte neben Kufflers Weinzelt und Käfer's Wiesnschänke zu den Zelten mit der höchsten Promi-Dichte und hatte eine mehr als 100-jährige Tradition. Früher konnten die Gäste innen in einer Manege reiten. Vieles ähnelt im Marstall dem Vorgänger: Champagnerbar, Tischdecken und erlesene Speisekarte - vom Tartar vom Wagyu-Ochsen über Hendl und bis zum veganen Holzfäller-Tofu-Pflanzerl. Ob und inwiefern hier geschäftliche Deals begossen werden, darüber herrscht diskretes Schweigen.

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