Olympische Flamme
Propaganda-Fackel in dünner Luft

Auf den letzten 30 Metern schaltete Peking auch das Volk zu. Zur Frühstückszeit konnten 1,3 Milliarden Chinesen im Fernsehen verfolgen, wie gestern morgen ein mit roten Parkas und Sauerstoffgeräten vermummter Trupp von Menschen die olympische Fackel auf den Mount Everest brachte. An ihrer Spizte: eine Tibeterin.

PEKING. Auf den letzten 30 Metern schaltete Peking auch das Volk zu. Zur Frühstückszeit konnten 1,3 Milliarden Chinesen im Fernsehen verfolgen, wie gestern morgen ein mit roten Parkas und Sauerstoffgeräten vermummter Trupp von Menschen die olympische Fackel auf den Mount Everest brachte. Einige der in Nebelschwaden gehüllten Bergsteiger rangen dabei deutlich hörbar nach Luft. Doch als um 9.16 Uhr die Tibeterin Ciren Wangmu ohne Sauerstoffmaske und mit Flamme auf den letzten Metern zum Gipfel stapfte, jubelte nicht nur die 19-köpfige Mannschaft, sondern ganz China: „Wir haben es geschafft.“

Es war ein von Pekings Machthabern hart erkämpfter Sieg. Nach den Unruhen in Lhasa und der massiven internationalen China-Kritik fiel dem Leiter der Exkursion dann als historischer Satz in 8 848 Metern Höhe auch wenig Neues ein. „Eine Welt, ein Traum“, brüllte er das Motto der näher rückenden Sommerspiele in den eisigen Wind. Ein Echo blieb aus, Eis und Nebel verschluckten seinen dürren Satz. Der heilige Berg Tibets grollte.

Zur olympischen Premiere auf dem Himalaya-Gipfel gab es dann wenigstens noch schnell ein Gruppenfoto – natürlich mit der chinesischen Flagge. Das war für die Olympia-Macher in Peking ein wichtiger Moment. Denn genau drei Monate vor Beginn der Sommerspiele hatte man damit endlich die erhofften Bilder, die einen erfolgreichen, störungsfreien und umjubelten Fackellauf zeigen.

Zuvor hatten Wind und Schneefall den Aufstieg auf den Mount Everest tagelang verzögert. Zudem war das gesamte Bergmassiv offenbar aus Angst vor Störungen gesperrt worden, der Zeitpunkt des olympischen Gipfelsturms blieb aus Sicherheitsgründen bis zuletzt geheim. Doch gestern, mit den wackeligen Livebildern vom Dach der Welt, schienen die Proteste in London und Paris, der Streit um Visavergabe und über Chinas Tibetpolitik zumindest für ein paar Stunden vergessen.

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