Onlinedates
Chinesischer Seitensprung

Technische Ahnungslosigkeit kann Ehefrieden und Karriere kosten - das gilt nicht nur für den US-Politiker Weiner. Auch ein chinesischer Provinzbeamter hat den Seitensprung per Nachrichtenplattform verpatzt.
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PekingWährend sich in den USA der Wirbel um den Kongressabgeordneten Anthony Weiner gerade etwas legt, ergötzt sich ganz China an einem ähnlichen Fall im eigenen Land. Am Mittwoch ist der Leiter des Gesundheitsamtes der Stadt Liyang zurückgetreten, weil er im Netz einen Seitensprung eingefädelt hat. Fast noch schlimmer: Er hat seiner amourösen Internet-Bekanntschaft stolz davon erzählt, wie er mit getürkten Quittungen den Staat betrügt.

Der Provinzbeamte Xie Zhiqiang hat die Online-Affäre volle zwei Monate lang gepflegt – und die ganze Zeit nicht geahnt, dass die ganze Welt mitlesen kann. Xie und seine Geliebte haben sich auf den Kurznachrichtendienst Weibo kennen gelernt. Wie Twitter dient Weibo eigentlich zum Verbreiten persönlicher und offizieller Neuigkeiten. Der Dienst hat 140 Millionen eifrige Nutzer. Auch Firmen oder der kommunistische Staat nutzen ihn, um PR unter Volk zu bringen.

Es waren saftige Nachrichten, die Xies Follower mitlesen konnten. „Ich kann nicht verstehen, dass Dein Mann Dich so viel allein lässt – ich kann nicht genug von Dir bekommen“, lautet eine Nachricht. Die beiden haben einen Besuch im Hotel vereinbart und sich in aller Öffentlichkeit über die Details verständigt. „Wie übergeben wir die Schlüsselkarte zum Hotelzimmer? Ich will mich nicht an der Rezeption blicken lassen.“

Die Geliebte trat unter dem Benutzernamen "YEwigeLiebeY" auf und nannte den Parteifunktionär in den Messages ihr „Dickerchen“. Xie trug den Nickname "FürDich5123" und nannte seine Chatpartnerin „Schatzmüschelchen“.

Der absolute Höhepunkt aus Sicht der interessiert lauschenden Netzgemeinde war vermutlich die Einlassung Xies zum Thema Geheimhaltung der beiden Verliebten: „Ruf mich nicht an und schick mir keine SMS. Das ist eine reine Affäre auf Weibo, wo uns keiner zurückverfolgen kann.“ Beide Beteiligten hatten ihren Klarnamen und ihr Bild im Profil hinterlegt.

Xie hatte offenbar im Frühjahr von Weibo gehört und sich spontan angemeldet. „Oh nein, konnten das wirklich alle lesen?“, fragte er den Journalisten, der ihn als erster wegen seiner Online-Affäre angerufen hat. Ein Freund habe ihm gesagt: „E-Mail war gestern, heute nehmen alle Weibo, da bin ich auch dahin gegangen.“

Auch in China erhalten Gemeinschaftsplattformen im Netz derzeit viel Aufmerksamkeit. Offenbar hatte jedoch keiner Xie über die Unterschiede zwischen den verschiedenen Online-Diensten aufgeklärt - solchen wie Twitter, wo alles öffentlich ist, und solchen wie Skype, wo die Nachrichten geheim bleiben.

„Weibo“ ist Chinesisch für „Miniblog“ und bezeichnet genau das, was im Westen Twitter ist: Ein Kurznachrichtendienst mit begrenzter Zeichenzahl zur Sofortveröffentlichung der Tweets für alle. Es gibt die bekannten Funktionen wie jemandem zu „folgen“ oder Meldungen weiterzuverbreiten.

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Er wunderte sich über so viele Follower

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