Open Source des Journalismus
500 Freiwillige für eine Recherche

Es klingt nach Gleichmacherei, Gutmenschentum, nach medialer Selbsterfahrungsgruppe. Oder nach einem spannenden Experiment. Der New Yorker Journalismus-Professor Jay Rosen will herausfinden, ob vernetzte Bürgerjournalisten eine Antwort auf die Qualitätskrise der Medien sein können.

DÜSSELDORF. New Assignment heißt ein Projekt der New York University (NYU), das die Medienwelt verändern könnte. Die Idee: Wenn Software durch die kostenlose Zusammenarbeit von Freiwilligen entstehen kann, ist solch eine Herangehensweise – Open Source genannt – auch im Journalismus möglich?

„Ich weiß auch nicht, was passieren wird“, gibt Jay Rosen im Gespräch mit dem Handelsblatt zu. Der NYU-Journalistik-Professor ist seit Jahren einer der scharfzüngigsten Medienkritiker der USA. Sehr früh beschäftigte er sich mit Weblogs und Bürgerjournalismus. So war er fünf Jahre lang Leiter des Projektes „Public Life and the Press“, in dem klassische Medien ermuntert werden sollten, engeren Kontakt mit ihren Lesern zu pflegen.

Und nun Newassignment.net, eine Art Kollektiv-Journalismus für Nicht-Journalisten. Auf der Internet-Seite des Projektes können sich Freiwillige anmelden. Dann übernehmen sie vorgegebene Rechercheaufträge zu einem Oberthema oder werfen ihre Ideen ein. „Wenn es einen neuen Trend gibt, dann kann man zwei oder drei Journalisten darauf ansetzen. Aber was passiert, wenn es 200 oder 300 Menschen sind?“ fragt Rosen. Für ihn ist das Projekt eine Reaktion auf den Qualitätsverfall der klassischen Medien: „Das Niveau des Profi-Journalismus hat seinen Höhepunkt überschritten, bedingt durch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Medienunternehmen“, formuliert er es höflich. Die Frage sei: „Was können vernetzte Bürgerjournalisten im Gegenzug erreichen?“

Das erste Oberthema, „Assignment Zero“ genannt, startete am 13. März. Die freiwilligen Amateur-Journalisten sollen Artikel schreiben zum Thema „Crowdsourcing“. Darunter versteht man das gemeinsame Erstellen von Inhalten und Produkten durch Freizeitarbeiter, vor allem per Internet. Nichts anderes also als das, was New Assignment selbst ist. Ist das nicht eine zu offensichtliche und leichte Vorgabe? Rosen wehrt ab: „Wir wollten ein Thema, das wir bewältigen können. Wenn wir das effizient schaffen, können wir uns größeren Themen widmen.“ Im Kopf hat er Recherchen über Drogenhandel, Menschenschmuggel oder Umweltverschmutzung. Auch der flächendeckende Erfolg politischer Initiativen könnte so leichter überprüft werden als durch einzelne Journalisten.

Das Internet-nahe Thema hat dafür gesorgt, dass Rosen von Freiwilligen überrannt wird: „Wir hatten uns 250 Anmeldungen als Ziel gesetzt. Wenn davon 150 etwas beigetragen hätten, wären wir zufrieden. Nach einer Woche hatten wir aber schon über 500 Freiwillige.“ Auch aus dem Ausland: Schon träumt er von einem Büro in Deutschland, das die Arbeit hier koordinieren und die Ergebnisse übersetzen soll.

Die Ergebnisse von Assignment Zero sollen spätestens im Juni veröffentlicht werden. Zu den Unterprojekten gehören Artikel darüber, wie Wähler ihre Meinung im Internet formulieren oder ein Porträt über Wikipedia-Gründer Jimmy Wales. Veröffentlicht wird das komplette Bouquet an Ergebnissen auf der Internet-Seite des Projektes, Auszüge wird es im gedruckten Technologiemagazin „Wired“ geben. Dessen Chefredakteur Chris Anderson erklärte der „New York Times“: „Dies ist ein Experiment, das Dinge anders machen will, vielleicht auch besser. Es entwertet nicht die Art, wie wir bisher arbeiten, aber es erlaubt, neue Quellen und Herangehensweisen auszuprobieren.“ Neben „Wired“ gehört die Nachrichtenagentur Reuters zu den Unterstützern: Sie spendete 100 000 Dollar für New Assignment. Weitere 10 000 Dollar kamen je von der Medienstiftung Sunlight und von Craig Newmark, dem Gründer der Online-Anzeigenbörse Craigslist.

Thomas Knüwer
Thomas Knüwer
Handelsblatt / Reporter
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