Optimisten
Die rosarote Brille vor dem inneren Auge

Die meisten Menschen sind unbelehrbare Optimisten. Selbst wenn Statistiken und rationale Argumente dagegensprechen, neigt er dazu, die Zukunft in rosigen Farben zu malen. Die rosarote Brille im Gehirn haben Psychologen von der New York University näher untersucht.

DÜSSELDORF. Sind Sie verheiratet? Oder haben Sie vor zu heiraten? Kennen Sie denn nicht die Scheidungsraten? Dann dürften sie eigentlich gar nicht vor den Traualtar treten. Angesichts der mittleren Lebenserwartung müsste sich zumindest ein Bräutigam auch keine Gedanken darüber machen, was die Rentenkasse ihm als 80-Jährigem überweisen wird. Millionen Männer erwarten aber, länger zu leben als der Durchschnittsdeutsche. Viele hoffen sogar, den Lotto-Jackpot zu knacken – bei einer Chance von eins zu 140 Millionen.

Der Mensch ist offenbar notorischer Optimist. Selbst wenn Statistiken und rationale Argumente dagegensprechen, neigt er dazu, die Zukunft in rosigen Farben zu malen – zumindest die eigene. Getreu dem Motto: Klar kann es übel laufen, aber mir wird das schon nicht passieren. Wissenschaftler halten Optimismus sogar für eine überlebenswichtige Eigenschaft: Würden wir ständig mit dem Schlimmsten rechnen, gäbe es kaum Motivation, das Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen und Pläne für die Zukunft zu schmieden.

Optimismus ist demnach das Resultat der evolutionären Auslese. „Ein pessimistisches Gehirn wählt die ungünstigere Version. Trifft sie ein, wird das Gehirn eliminiert“, so der Neurobiologe Valentin Braitenberg. Geht es, anders als erwartet, gut aus, führt die falsche Annahme zu einer Korrektur des Vorhersagemechanismus – das pessimistische Gehirn verändert sich ein wenig in Richtung Optimismus. Neigt ein Gehirn hingegen von vornherein zu optimistischen Vorhersagen, „besteht bei günstigem Ausgang kein Anlass zur Korrektur, bei ungünstigem keine Gelegenheit“. Auf diesem Wege, meint der Tübinger Forscher, werde der Optimismus insgesamt gefördert.

Die rosarote Brille im Gehirn haben Psychologen von der New York University jetzt näher untersucht. Elizabeth Phelps und Tali Sharot legten 15 Freiwillige in einen Magnetresonanztomografen und baten sie, über eine Reihe emotionaler Szenarien zu sinnieren: Zum einen sollten sie an positive und negative Begebenheiten der Vergangenheit denken, etwa an eine Beerdigung. Zum anderen wurden sie aufgefordert, sich zukünftige Ereignisse vorzustellen. Angenehme wie den Gewinn eines Preises und weniger schöne wie das Ende der eigenen Liebesbeziehung. Im Anschluss an die Experimente im Hirnscanner sollten die Probanden an Hand vorgegebener Kriterien beurteilen, wie sie die gedanklichen Ausflüge erlebt hatten.

Ergebnis: Der Mensch schaut gern in die Zukunft. Die Vorstellungen zukünftiger erfreuliche Ereignisse wurden positiver, lebhafter, aufregender und zeitlich naheliegender empfunden als die Erinnerungen. Negative Ereignisse in der Zukunft malten sich die Teilnehmer dagegen eher als Außenstehende aus. Ihr Gefühl, das Ganze in einer gewissen Weise „vorzuerleben“, war deutlich schwächer ausgeprägt als beim Vorstellen erfreulicher Geschehnisse. „Während die Vergangenheit beschränkt ist, steht die Zukunft offen für Interpretationen“, sagt Phelps. „Das erlaubt den Leuten, sich von möglichen negativen Ereignissen zu distanzieren und mit den positiven auf Tuchfühlung zu gehen.“

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