Organisierte Banden
Armut treibt Polens Schrottsammler auf die schiefe Bahn

Die Mitglieder der Kleingartenanlage „Krokus“ im nordostpolnischen Pieczewo trauten ihren Augen nicht: Als sie nach einem gemütlichen Nachmittag im Vereinsheim am Eingang der Anlage vorbeikamen, war das schmiedeeiserne Tor gestohlen.

HB WARSCHAU. „Die sind mit dem Auto vorbeigekommen und haben es einfach mitgenommen“, klagte ein Kleingärtner. Die - das sind „zlomiarze“, Schrottsammler, die angesichts eigener Armut und steigender Preise für Altmetall immer häufiger auf die schiefe Bahn geraten.

In polnischen Wohnsiedlungen ist das metallische Knirschen bei den Müllcontainern ein vertrautes Geräusch. Die Anwohner wissen - irgendein „zlomiarz“ durchwühlt den Abfall nach leeren Getränkedosen und tritt sie platt, damit sie leichter in seine selbstgezimmerte Handkarre passen. Auch umgestoßene Altpapiercontainer, in denen Sammler nach einem dicken Packen Telefonbücher oder anderer bei der Sammelstelle beliebten Altstoffe wühlen, sind in einer Stadt wie Warschau Teil des Alltages geworden. Der Film „Edi“, eine Hommage an einen Verlierertypen und Schrottsammler, hat Kultcharakter.

Inzwischen allerdings halten viele die Schrottsammler für eine Plage. Denn längst sind Müllhalden und Abfalleimer nicht mehr ergiebig genug für die „Edis“ jenseits der Leinwand. Viele Schrottsammler lassen alles mitgehen, was nicht niet- und nagelfest ist. Im oberschlesischen Sosnowitz (Sosnowice) warnten die städtischen Behörden zur Vorsicht bei Kanaldeckeln - denn in nächtlichen „Arbeitseinsätzen“ wuchteten Schrottsammler so häufig Kanaldeckel aus der Verankerung, dass die Behörden nicht mit der Sicherung der Schächte hinterher kamen.

In Westpommern wie in Oberschlesien und Masuren, wo überdurchschnittlich hohe Arbeitslosigkeit herrscht, gibt es mittlerweile organisierte Banden von Schrottdieben. „Sie stehlen Schienen und Leitungsanlagen“, klagte Krzysztof Zajko, stellvertretender Bürgermeister des westpommerschen Goleniow. „Sogar unser Stadtwappen, dass am Ortseingang Besucher begrüßte, haben sie geklaut.“

Die polnische Bahngesellschaft PKP erleidet einem Bericht der „Gazeta Wyborcza„ zufolge allein in der Region Westpommern jährlich Verluste in Höhe von mehr als zwei Millionen Zloty (455  000 Euro). Grund: Schrottdiebe montieren Schienen ab - glücklicherweise meist an stillgelegten Streckenabschnitten - und verkaufen sie. Die Telefongesellschaft muss einen monatlichen Verlust von rund 30  000 Zloty einkalkulieren. Aber auch die Metallzäune von Sportplätzen verschwinden mitunter über Nacht, Teile von Wasserleitungen sind plötzlich weg. Was irgendwie abgeschraubt oder abgesägt werden kann, ist vor den Dieben nicht sicher.

Die Suche nach einem Einkommen durch Metallhandel endet mitunter tragisch. Mehrere Menschen sind bereits ums Leben gekommen, als sie alte Fabrikanlagen oder Bunker nach verwertbaren Altmaterialien durchwühlten. Schlagzeilen machte vor einiger Zeit der Tod eines achtjährigen Jungen in Oberschlesien: Ein von Schrottsammlern bereits „ausgeschlachtetes“ Gebäude stürzte ein und begrub den Jungen unter sich, als er selbst nach verwertbarem Altmetall suchte.

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