Ortswechsel
Leben und arbeiten in Paris

Andreas Worgul kam der Liebe wegen nach Paris. Als der Berater seine Wohnung mietete, mussten seine Eltern bürgen. Nun hilft er Unternehmen bei der Optimierung von Reiseprogrammen. Jessica Schwarz hatte französische Freunde und konnte die Sprache, als sie zur Promotion in die Metropole an der Seine zog. Trotzdem dauerte es ein halbes Jahr bis ihre Kollegen sie akzeptierten. Zwei Menschen, zwei Geschichten.

Langwierige Bewerbung

Die Bewerbung für seine erste unbefristete Vollzeitstelle war für Andreas Worgul wie ein Sprung ins kalte Wasser. Aufgrund seines BWL-Studiums in Mannheim und Norwegen sowie Praktika in Schweden und Belgien sprach er zwar fließend Englisch, sein Französisch war jedoch nicht besonders. Zum Glück fanden die Vorstellungsgespräche für die Stelle in der Firmenzentrale von Carlson Wagonlit Travel in Paris nur teilweise auf Französisch statt. „Mit einer gezielten Vorbereitung ging es dann ganz gut“, sagt der 28-Jährige, der seit Juli 2008 als Business Analyst im Geschäftsreisemanagement der Reiseagentur arbeitet. „Wir erstellen Reiserichtlinien für internationale Unternehmen und optimieren ihre Geschäftsreiseprogramme“, beschreibt er seinen Job.

Nach vier Jahren Fernbeziehung wollte er mit seiner französischen Freundin zusammenziehen. Nun wohnt das Paar gemeinsam im 15. Arrondissement, nur zehn Minuten vom Eiffelturm entfernt. Ihre Wohnung haben sie durch eine Empfehlung des Vormieters bekommen. „Obwohl wir beide gut bezahlte, unbefristete Vollzeitstellen haben, mussten unsere Eltern, zusätzlich zur Kaution, für Miete und mögliche Schäden bürgen“, erzählt Worgul. Für Pariser Verhältnisse sei das ganz normal.

Auch sein Bewerbungsprozess war langwierig: Zwei Telefonate, vier Besuche in Paris. Jetzt arbeitet Worgul mit Franzosen, die alle sehr gutes Englisch sprechen. Gerne würde er ab und zu mit den Kollegen Fußball spielen, aber die Bürokratie greift bis auf den Sportplatz: „Aus versicherungstechnischen Gründen müssten wir einen Verein gründen oder den Platz anders offiziell anmieten.“

So beschränken sich die Kontakte zu den Kollegen bislang vor allem auf die Mittagspause, die bis zu anderthalb Stunden dauert. „Manche Leute gehen sogar nach Hause und kochen sich was“, erzählt der Deutsche, der das Leben in Paris trotz kleiner Hürden sehr genießt. In den zentralen Stadtvierteln sei es relativ schwierig einzukaufen. „Butter, Milch, französischer Käse, alles ist wahnsinnig teuer und das Angebot in den kleinen Supermärkten ist sehr beschränkt. Doch Paris hat gerade für junge Leute viel zu bieten“, sagt er. „Museen, Ausstellungen, Restaurants, Cafés – die Stadt ist international, man hört alle Sprachen.“

Kleiner Kulturschock

Als Jessica Schwarz nach Paris kam, hatte sie dort bereits einige französische Freunde. Nach ihrem Studium an der TU München machte die Ernährungswissenschaftlerin ein Praktikum bei Unilever in Rotterdam. Dort wurde sie auf Doktorandenstellen aufmerksam, die von der EU finanziert wurden: in München, Paris und London. „In Paris war das für mich interessanteste Projekt, deswegen habe ich mich dafür beworben, nicht unbedingt wegen der Stadt“, erzählt die 27-Jährige, die im Landkreis Landshut aufgewachsen ist.

Im November 2006 kam Schwarz als Doktorandin nach Paris. Sie wohnt in einem Studentenwohnheim im Süden der Stadt. An der Grande École (Elitehochschule) AgroParisTech untersucht sie, welche Nährstoffe welche Signale im Gehirn auslösen. Die Arbeit schließt sie voraussichtlich im Oktober ab. „Wenn ich kein tolles Angebot in Paris bekomme, würde ich gerne noch ein, zwei Jahre in einem anderen europäischen Land dranhängen und dann nach Süddeutschland zurückkehren“, sagt sie.

Obwohl sie vorher „viele nette Franzosen kannte und ganz gut Französisch sprach“, erlebte Schwarz in Paris einen kleinen Kulturschock. Schuld daran war die Bürokratie: Die ersten vier Monate habe sie damit zugebracht, Formulare auszufüllen und Nachweise zu liefern, um sich anzumelden. „Ich konnte mich gar nicht richtig auf meine Arbeit konzentrieren.“ Das Labor, in dem sie arbeitet, ist international besetzt, man spricht aber durchgehend Französisch. Zunächst sei der Kontakt zu den Kollegen nicht sehr erquicklich gewesen: „Die Pariser sind sehr verschlossen. Niemand geht auf dich zu, wenn du ankommst. Am Anfang haben Kolleginnen mich morgens gegrüßt und sich abends verabschiedet, dazwischen kam nichts.“ Das habe sich erst nach einem halben Jahr verändert. Und noch etwas sei anders als in Deutschland: Doktoranden würden nicht als vollwertiges Mitglied der Forschungsgruppe angesehen, sondern eher wie Studenten.

Zurück in Deutschland wird ihr das Internationale fehlen, vermutet Jessica Schwarz. Im Ausland genießt sie es, unangenehme Dinge leichter von sich fernhalten zu können, Missstände in der Politik zum Beispiel: „In einer schönen Stadt zu leben und nicht vollkommen integriert zu sein, das hat schon auch was.“

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