Oslo und Utøya
Polizei geht weiter von Einzeltäter aus

Das Massaker auf der norwegischen Insel Utøya dauerte bis zu 45 Minuten, kostete mindestens 84 Menschen das Leben. Zu viele Opfer für einen Einzeltäter? Die Polizei glaubt nein - und fahndet trotzdem weiter.
  • 12

OsloDie norwegische Polizei geht nach den Terroranschlägen in Oslo und auf der Insel Utøya zu „98 bis 99 Prozent“ von einem Einzeltäter aus. „Wir wollen jedoch gerne 110-prozentig sicher sein“, hieß es am Samstag aus Polizei-Kreisen. Anders B., der mutmaßliche Täter, hatte als Polizist getarnt mindesten 84 Menschen in einem Jugendcamp erschossen. Der Restzweifel ergibt sich aus der Opferzahl, die für einen Einzeltäter ungewöhnlich hoch ist. Im Prinzip, so hieß es weiter, gehe man jedoch von einer allein handelnden Person aus.

Die einzige Straße, die zu der in einem Binnensee gelegenen Insel führt, ist zur Stunde abgesperrt. Nur Rettungskräfte, Journalisten und Anwohner dürfen die Sperren passieren. Besucher werden in Gruppen zur Insel gebracht. Dort ist nach wie vor ein massives Polizeiaufgebot vor Ort, auch das Rote Kreuz und die Feuerwehr befinden sich im Dauereinsatz. Auf dem See wimmelt es von Schlauchbooten, die das Gewässer nach weiteren Opfern und Überlebenden absuchen. In ihrer Todesangst haben viele Jugendliche versucht, sich ans Ufer zu retten. Einige dürften dabei ertrunken sein.

Seitens der Polizei sind nur noch bewaffnete Einsatzkräfte vor Ort. Diese durchsuchen das Areal nach Sprengsätzen. Die Waffen führen sie für den Fall mit sich, dass der fast ausgeschlossene Fall eintritt und sich doch ein zweiter Täter auf der Insel versteckt hält.

Außenstehenden bietet sich eine gespenstische Szene: Inmitten einer sommerlichen Idylle mit Hotels, Campingplätzen und Jugendherbergen stehen Zelte, in denen die Toten identifiziert werden. Ständig sind Leichenwagen in Bewegung. Die Überlebenden sind im Sundvolden Hotel untergebracht - dort residieren auch Ministerpräsident Stoltenberg und Teile seiner Regierung.

Keine 24 Stunden zuvor hatten sich hier unbeschreibliche Szenen abgespielt. Der mutmaßlich norwegische Attentäter hat nach Augenzeugenberichten mehr als 45 Minuten auf Jugendliche im Ferienlager auf der Insel Utøya geschossen. Das berichtete die 22- jährige Nicoline Bjerge Schie am Samstag in der Online-Ausgabe der Zeitung „Dagbladet“. „Die Schüsse kamen mit etwa zehn Sekunden Zwischenraum und über etwa eine Dreiviertelstunde.“

Die junge Frau hatte sich selbst mit Freunden hinter einem Felsen am Wasser versteckt. Über ihre Eindrücke berichtete sie: „Ich hab ihn nicht gesehen, aber gehört. Er schrie und jubelte und gab mehrere Siegesrufe von sich.“

In der Zeitung „Verdens Gang“ sagte der sozialdemokratische Jugendfunktionär Adrian Pracon, dass der Täter mehrfach schrie: „Ich bringe auch alle um. Alle müssen sterben.“ Er selbst habe nur überlebt, weil er sich tot gestellt hatte, berichtete der Norweger.„Er zielte mit der Pistole auf mich, aber er hat nicht abgedrückt.“

Im TV-Sender NRK berichtete der ebenfalls überlebende Ali al Hatem, dass zuerst eine Gruppe Jugendlicher auf den Mann zulief, der als Polizist verkleidet auf die kleine Insel Utøya gekommen war. „Er hat direkt auf alle geschossen, die auf ihn zuliefen“, sagte der junge Mann weiter. Er selbst sei sofort in die andere Richtung gelaufen und habe sich am Wasser versteckt.

 Bei den Terroranschlägen hat es derweil weit mehr Tote gegeben als zunächst angenommen. Nach Angaben der Polizei kamen mindestens 91 Menschen ums Leben. Allein 84 Todesopfer wurden nach dem Massaker in einem Jugendsommerlager auf der Insel Utøya unweit der Hauptstadt Oslo geborgen. Bei einer vorangegangenen Bombenexplosion im Osloer Regierungsviertel starben sieben Menschen. Ministerpräsident Jens Stoltenberg sprach von der schlimmsten Katastrophe Norwegens seit dem Zweiten Weltkrieg.

Die Polizei schloss am Samstag nicht aus, dass sich die Opferzahl noch weiter erhöhen könnte. Im See um die Insel Utøya werde nach weiteren Opfern gesucht. Bis zum späten Freitagabend waren die Behörden zunächst von insgesamt 17 Toten ausgegangen.

Weltweit löste der Doppelanschlag, der nach bisherigen Erkenntnissen der Polizei in Oslo von einem 32-jährigen Norweger verübt wurde, Entsetzen aus. Der noch am Freitag festgenommene Mann soll als Einzeltäter gehandelt haben. Er wird der rechten Szene zugeordnet und soll „christlich-fundamentalistisch“ orientiert sein.

Zwei Schusswaffen, darunter eine Maschinenpistole, wurden sichergestellt.

Über den Ablauf des schrecklichen Geschehens im Jugendlager auf Utøya, die möglichen Hintergründe und die bisherigen Aussagen des mutmaßlichen Täters wollte die Polizei auf einer Pressekonferenz am Samstagmorgen in Oslo keine Einzelheiten nennen.

Der 32-Jährige habe bisher nicht im Blickfeld der Polizei gestanden. Zwar sei er bereit auszusagen, man stehe aber vor „äußerst umfassenden und langfristigen Ermittlungen“.

Spekuliert wird, ob der mutmaßliche Verantwortliche möglicherweise Sprengsätze aus Kunstdünger hergestellt hat. „Wir haben ihm Anfang Mai sechs Tonnen Dünger verkauft, was eine ziemliche Standard-Bestellung  darstellt“, sagte die Sprecherin einer landwirtschaftlichen Kooperative, Oddny Estenstad, am Samstag. Zur genauen Zusammensetzung des synthetisch hergestellten Düngers wollte sie keine Angaben machen. Aus Kunstdünger können Sprengsätze hergestellt werden.

Kommentare zu " Oslo und Utøya: Polizei geht weiter von Einzeltäter aus"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • die auf der insel getöteten hätten keine zweifel gehabt.sie hätten nur eines gebraucht : eine gute und funktionstüchtige schusswaffe.nur dies hätte ihnen ihr leben gerettet. da hilft auch kein gutmenschentum weiter.
    unfälle mit schusswaffen lassen sich durch konsequente schulung vermeiden,diese sollte möglichst früh erfolgen.

    das tragen und benutzen von schusswaffen ist universielles menschenrecht und sichert das eigene überleben in gewissen situationen.

  • die pointe ist einfach , dass alle anderen eben keine irren sind und die möglichkeit haben müssen sich und andere mitmenschen verteidigen zu können.
    dieser primitivzusammenhang ist in anderen staaten sehr wohl bekannt. hätte nur ein betreuer oder jugendlicher seine durchgeladene und entsicherte 9 mm gehabt, wären noch 80 bis 90 menschen am leben und der angreifer terminiert.

  • Auch als Vorstand eines Schützenvereines bezweifle ich, ob eine allgemeine Bewaffnung solche Taten verhindern könnte. Was nutzt es, wenn eine Tat verhindert wird, aber durch unsachgemäßen Umgang mit Waffen jedes Jahr 30 Personen umkommen. Wichtiger wäre es m. E. einmal die Aufmerksamkeit auf die Medienbericherstattung zu lenken. Bei Bildonline wird der Täter zum Antihelden stilisiert, er bekommt ein Gesicht, seine Taten werden plastisch beschrieben. Jeder potentielle Nachahmungstäter kann sich an dieser Berichtserstattung "aufgeilen". Aussagen wie "nach jedem Schuss jubelte er..." sind wenig hilfreich. Wo bleibt hier der Aufschrei der sogenannten Gutmenschen?

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%