Ostersamstag
Ein Grieche im Fegefeuer

Ein „Heiliges Licht“, das sich auf wundersame Weise jedes Jahr am Ostersamstag von selbst entzündet? Der griechische Philosoph und Bestsellerautor Nikos Dimou glaubt nicht dran – und macht sich damit Feinde.
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AthenJetzt ist es wieder so weit. Wie an jedem Ostersamstag, wird ein Regierungsjet in Athen starten und nach Tel Aviv fliegen. An Bord sind ein Staatssekretär, Diplomaten des griechischen Außenministeriums und hohe Würdenträger der orthodoxen Kirche. In Israel angekommen, wird die Delegation nach Jerusalem hinauffahren, um in der Grabeskirche das „Heilige Licht“ abzuholen. Es symbolisiert die Auferstehung Christi. In Athen wird die Flamme am Flughafen mit militärischen Ehren empfangen, wie sie sonst nur einem Staatsoberhaupt zuteilwerden. Die Fluggesellschaften Aegean und Olympic mobilisieren am Samstagabend Sondermaschinen, um das Licht rechtzeitig in alle Landesteile zu bringen, wo es um Mitternacht in den Kirchen an die mit Kerzen ausgerüsteten Gläubigen verteilt wird. „Christós anésti“ verkünden dann die Popen, Christus ist auferstanden. Alle Glocken läuten.

Nikos Dimou findet den Aufwand übertrieben, auch finanziell. „Jedes Mal, wenn sich Ostern nähert, werde ich zu einem fanatischen Antikleriker“, bekannte der Philosoph und Schriftsteller jetzt im Internetportal Protagon. „Jesus, der bekanntlich nicht an Götzenbilder glaubte, hätte das Geld wahrscheinlich an die Armen verteilt“, so Dimou.

Schon das ist Ketzerei in den Augen des orthodoxen Klerus. Aber der 79-Jährige geht noch weiter. Er schreibt vom „angeblichen Heiligen Licht“. Sollte er damit meinen, die Flamme erscheine nicht alljährlich am Ostersamstag auf wundersame Weise von selbst im mutmaßlichen Grab Christi, wie es die orthodoxe Kirche lehrt? Glaubt Dimou womöglich, irgendjemand entzünde das Licht ganz profan mit einem Streichholz oder einem Feuerzeug?

Das Wort „angeblich“ ließ einen Sturm der Empörung losbrechen. Dimou muss sich fühlen wie in einem irdischen Fegefeuer. Ostern ist schließlich das wichtigste Fest für die Griechen überhaupt. Das lassen sie sich nicht gern mies machen. Und die orthodoxe Kirche ist eine mächtige Institution. Wer sich mit ihr anlegt, bekommt Ärger.

Schon öfter machte sich Dimou als Nestbeschmutzer unbeliebt. In seinem schon 1975 erschienen Buch „Über das Unglück, ein Grieche zu sein“, das eine Art Dauerbestseller ist, widmet sich Dimou den Schwächen seiner Landsleute, mit Sätzen wie: „Zwei Griechen schaffen in zwei Stunden (wegen Streitigkeiten), was ein Grieche in einer Stunde schafft.“ Oder: „Ein Grieche nimmt die Realität prinzipiell nicht zur Kenntnis“.

Konnten darüber manche noch schmunzeln, hört beim „angeblichen“ Heiligen Licht für viele der Spaß auf. Sogar die stalinistische Kommunistische Partei schießt nun gegen Dimou. Was wiederum kein Wunder ist. Sie ähnelt schließlich der orthodoxen Kirche darin, dass sie Dogmen verbreitet.

Zwar unterstrich Dimou, ein „Antikleriker“, wie er, müsse nicht zwangsläufig Atheist sein oder ein Feind der Religion. Man könne durchaus an Gott glauben und zugleich die Kirche für überflüssig halten.

Doch mit diesen philosophischen Darlegungen machte Dimou alles nur noch schlimmer. Auch die neue Intellektuellenpartei „Der Fluss“, die erst vor wenigen Wochen gegründet wurde und in manchen Meinungsumfragen als drittstärkste politische Kraft dasteht, geriet wegen der Ketzerei ins Kreuzfeuer der Kritik – Dimou ist einer ihrer prominentesten Unterstützer. Am Freitag erklärte er seinen Austritt aus der Partei, um weiteren Schaden von ihr abzuwenden, wie er sagte.

Der Klerus feuert unterdessen eine Salve nach der anderen auf den Häretiker ab. Ambrosios, der Bischof von Kalavryta, will Dimou exkommunizieren und betet zu Gott, „dass er seinen Mund verfaulen lässt“ – kein frommer Wunsch. Artig bedankte sich Dimou im Internet für diese „Botschaft der Liebe“.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa

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