Pandemie befürchtet
Soldaten suchen in Mexiko nach Grippekranken

Gottesdienste und Fußballspiele werden abgesagt, öffentliche Veranstaltungen sind verboten: Die Angst vor einer tödlichen Grippewelle hat am Wochenende Mexiko gelähmt und das Militär auf den Plan gerufen. Gesundheitsbehörden in aller Welt sind alarmiert. In Neuseeland wurden zehn Schüler nach ihrer Rückkehr aus Mexiko mit dem Verdacht auf Schweinegrippe unter Quarantäne gestellt.

HB MEXIKO-STADT. Mit drastischen Maßnahmen versucht die Regierung eine weitere Ausbreitung der sogenannten Schweinegrippe zu verhindern. Seit Mitte April erkrankten in Mexiko bereits mehr als 1 300 Menschen, 81 starben an dem neuen Grippeerreger.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zeigte sich besorgt und erklärte, die Grippe habe das „Potenzial für eine Pandemie“ – könne also auf andere Länder und Kontinente übergreifen. Es sei aber noch zu früh zu sagen, ob es dazu komme. Die WHO rief zu weltweiter Wachsamkeit auf. Die Epidemie sei ein „öffentlicher Gesundheitsnotfall“. Alle Länder sollten die Beobachtung und Meldung von Grippefällen zu verschärfen, empfahl die WHO. Die deutschen Gesundheitsbehörden reagierten zurückhaltend. „Man kann schlicht noch nicht sagen, ob es auf Mexiko und die USA begrenzt bleibt oder sich ausbreitet“, sagte die Sprecherin des Robert-Koch-Instituts in Berlin, Susanne Glasmacher. Dementsprechend gebe es noch keine Verhaltensempfehlungen etwa für Reisende nach Mexiko.

In Asien, wo viele Länder seit Ende 2003 mit der ebenfalls tödlichen Vogelgrippe zu kämpfen haben, die weltweit 257 Menschen das Leben kostete, fielen die Reaktionen entschiedener aus. In Japan wurden Reisende aus Mexiko auf Erkrankungen hin überprüft. Die Philippinen beschlossen eine Quarantäne für Passagiere mit Fieber, die aus Mexiko kommen. In Neuseeland wurden 25 an Grippe erkrankte Schüler und Lehrer, die kürzlich in Mexiko waren, unter Quarantäne gestellt.

In Neuseeland befinden sich zehn Schüler nach ihrer Rückkehr aus Mexiko unter Verdacht auf Schweinegrippe in Quarantäne. Die jungen Leute waren am Samstag von einer dreiwöchigen Studienreise zurückgekehrt und hatten über grippeähnliche Symptome geklagt. Ein erster Grippeschnelltest fiel positiv aus. Die Behörden betonten am Sonntag jedoch, dass bislang lediglich eine Infektion mit einem Influenza-A-Virus nachgewiesen sei. Es sei daher noch unklar, ob die jungen Leute zwischen 15 und 18 Jahren tatsächlich an dem mutierten Schweinegrippevirus erkrankt seien. „Die Behörden haben mir gesagt, es gibt noch keinen Beweis, aber sie halten das für wahrscheinlich“, sagte Gesundheitsminister Tony Ryall.

Detailliertere Testergebnisse seien erst in einigen Tagen zu erwarten. Das Material werde in einem Labor der Weltgesundheitsorganisation WHO in Melbourne untersucht. Die zehn Schüler waren am Sonntag isoliert zu Hause. Keiner sei ernstlich krank, sagte der Gesundheitsminister. Insgesamt waren drei Lehrer und 22 Schüler des Rangitoto Colleges in Auckland in Mexiko. 13 Schüler klagten nach der Rückkehr über Grippebeschwerden. Der Gesundheitsminister rief Passagiere, die im selben Flugzeug wie die Schüler saßen, auf, bei Unwohlsein einen Arzt aufzusuchen.

Der mexikanische Präsident Felipe Calderon ermächtigte per Erlass die Gesundheitsbehörden, Grippekranke zu isolieren und deren Wohnungen zu inspizieren. Soldaten suchten am Wochenende auf Bahnhöfen und Bushaltestellen nach Personen mit Symptomen der Krankheit. Der Bürgermeister von Mexiko-Stadt sagte für zunächst zehn Tage alle öffentlichen Veranstaltungen ab. Die Stadt habe genug Medikamente zur Behandlung der mit dem neuartigen Virus infizierten Menschen, sagte Marcelo Ebrard. Jetzt gehe es vor allem auch darum, eine Ausbreitung der Infektionserkrankung zu verhindern.

Aus Sorge vor einer weiteren Ausbreitung schlossen die Behörden in Mexiko-Stadt bereits Schulen, Museen, Bibliotheken und Theater. In Bussen und U-Bahnen wurden Schutzmasken an Fahrgäste verteilt. Die katholische Kirche schränkte dazu auch die Gottesdienste ein. Die Kirchenleitung empfahl den Priestern, die Messen zu verkürzen. Die Hostie soll den Gläubigen in die Hände und nicht auf die Zunge gelegt werden. Die Erzdiözese Mexiko-Stadt erklärte außerdem, die Katholiken könnten ihre Pflicht zum Gottesdienstbesuch auch erfüllen, wenn sie einer Messen im Radio zuhörten.

In den USA wurde die mexikanische Schweinegrippe bei elf Patienten in den Staaten Kansas und Kalifornien bestätigt, in New York gab es acht Verdachtsfälle. Präsident Barack Obama, der vergangene Woche Mexiko besuchte, hat sich nach Angaben des Weißen Hauses nicht angesteckt.

Der neue Grippeerreger weist genetische Merkmale des Schweins, von Vögeln und auch des Menschen auf - in einer Art, wie es die Forscher bislang noch nicht beobachtet haben. „Wir sind sehr, sehr besorgt“, sagte WHO-Sprecher Thomas Abraham. „Wir haben es mit einem neuen Virus zu tun, und er verbreitet sich von Mensch zu Mensch.“

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