Papst Benedikt
Seit zwei Jahren ist Deutschland Papst

Sind wir noch Papst? Zwei Jahre nach der Wahl am 19. April 2005 stellt sich die Frage, ob und wie Benedikt XVI., der erste Deutsche seit 500 Jahren auf dem Stuhle Petri, Deutschland verändert hat. Bedeuten die jubelnden Menschenmassen auf dem Kölner Marienfeld oder in Marktl am Inn tatsächlich eine Wende der katholischen Kirche.

HB HAMBURG. Die Faszination der Bilder ist unvergessen: Papst Benedikt, der Menschenfischer, fährt mit einem Rheinschiff nach Köln, die Massen beim Weltjugendtag jubeln. 700 000 Menschen feiern an einem Samstagabend mit dem Pontifex eine Vigil, eine Andachtsform, deren Namen selbst viele Katholiken kaum noch kennen. Und dann der größte Gottesdienst auf deutschem Boden: Eine Million Menschen strömen zum Pontifex, zu Joseph Ratzinger, aufs Marienfeld bei Köln. Das war im August 2005, vier Monate nach dem Konklave, als eine Boulevard- Zeitung titelte: Wir sind Papst!

Sind wir noch Papst? Zwei Jahre nach der Wahl am 19. April 2005 stellt sich die Frage, ob und wie Benedikt XVI., der erste Deutsche seit 500 Jahren auf dem Stuhle Petri, Deutschland verändert hat. Zugegeben: Im September 2006, beim Heimatbesuch in Bayern, wieder Massen, aber maximal „nur“ um die 250 000 Menschen bei den Papstmessen. Es ist ein Besuch, der vor allem zu Herzen geht, es menschelt. Bilder mit Bruder Georg am Grab der Eltern, Stippvisite im Geburtsort Marktl.

Und dann die Rückkehr zu „seiner“ Universität nach Regensburg, das Wiedersehen des Professors Ratzingers mit altvertrauten Schülern und Gelehrten. Doch hängen bleibt vor allem die verhängnisvolle Vorlesung: Der kluge Vortrag, dass Glaube und Vernunft untrennbar sind - eine Spitze gegen die moderne Aufklärung ebenso wie religiösen Fundamentalismus - wird kaum wahrgenommen. Auch die Mahnung, dass Religion und Gewalt nicht zusammen passen, verhallt fast ungehört. Nur das Zitat eines mittelalterlichen Kaisers, dass der Prophet Mohammed fast nur Schlechtes gebracht habe, nämlich die Verbreitung des Glaubens mit dem Schwert, rast um die Welt und löst in der islamischen Welt Gewalttaten gegen Christen aus.

Auschwitz, das deutsche Vernichtungslager im besetzten Polen, wird ebenfalls zum diplomatischen Minenfeld. Ergreifende Worte findet der Papst im Mai 2006 über den Holocaust, aber die Schuld des deutschen Volkes nennt er nicht beim Namen, es ist ein verführtes Volk, wie Ratzinger sagt. International löst das Stirnrunzeln aus. Doch der während der Rede in Auschwitz aufbrechende Regenbogen am Himmel wird zum stärksten Zeichen, ein Bild, das manchem Gläubigen als göttliches Zeichen haften bleibt.

In seinen Predigten in Deutschland gibt Benedikt den Katecheten, den Gottes- und Glaubenslehrer, das ist der rote Faden. Ratzinger versucht den christlichen Glauben auf den Kern zurückzuführen, er lenkt den Blick auf Gott, auf Jesus Christus, der am Kreuz zur Erlösung der Menschheit gestorben ist. Kommentatoren sind verunsichert. Kommt das an in einem Land, das seit langem von Kirchenaustritten und der Verdunstung des Glaubens als Folge der Säkularisierung geprägt ist? Trifft der Mann mit der Kirchensprache noch den Ton der jungen Generation?

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