Papst Benedikt zu Besuch in Istanbul
Große Gesten, kleine Schritte

Joseph Ratzinger gilt als Kopfmensch, nüchtern und eher sachlich orientiert, doch die Prachtentfaltung und der Prunk des orthodoxen Gotteshauses gefallen ihm sichtlich. Das war genau die richtige Atmosphäre für eine Annäherung an die Ostkirchen.

HB ISTANBUL. Goldüberladen, überreich an Ikonen, und alles ins gleißende Licht pompöser Kandelaber getaucht – die Patriarchatskirche von St. Georg in Istanbul ist ein Juwel. Fast drei Stunden dauert der Gottesdienst nach orthodoxem Ritus an diesem Donnerstag. Schon die Anwesenheit eines Papstes bei einer „Heiligen Liturgie“ der Orthodoxen ist eine Seltenheit – der dritte Tag des Papstbesuchs in der Türkei ist der Tag der großen Gesten.

Die Botschaft des Tages: Benedikt XVI. meint es ernst mit der Annäherung an die Ostkirchen. Sein Angebot an die rund 300 Millionen Orthodoxen in der Welt, sogar die „Ausübung des Papstamtes“ zur Frage eines „brüderlichen Dialogs“ zu machen, ist eine echte Überraschung. Theologisch trennt Rom und die Ostkirchen nichts Wesentliches, es ist vor allem die Autorität des Papstes, die die Orthodoxen nicht anerkennen. „Nicht alle haben Ratzinger eine solche Geste zugetraut“, sagt ein Theologe und Vatikankenner in Istanbul. „Macht aufgeben, Positionen der Stärke räumen, das war man in der Vergangenheit nicht von ihm gewöhnt.“

Allerdings: So Aufsehen erregend das Angebot auf den ersten Blick erscheint, auf den zweiten Blick sind die Chancen auf einen echten Durchbruch eher gering. Bereits 1995 hatte Benedikts Vorgänger Johannes Paul II. in seiner Enzyklika „Ut unum sint“ (Dass sie eins seien) just dieses Angebot zum ersten Mal vorgelegt. Man könne gemeinsam darüber nachdenken, „eine Form der Primatausübung zu finden, die zwar keineswegs auf das Wesentliche ihrer Sendung verzichtet, aber sich einer neuen Situation öffnet“, hieß des damals.

Das klang atemberaubend, flinke Kommentatoren meinten, Rom sei zu „Konzessionen“ bereit. Nur: Die Ostkirchen nahmen den Ball nicht auf, die Gespräche versandeten. Tatsächlich dümpelte die Ökumene seit Jahren vor sich hin. „Ratzingers große Geste ist genauer betrachtet nur ein kleiner Schritt“, meint ein Begleiter im Papsttross.



Immerhin aber haben Benedikt XVI. und der orthodoxe Patriarch Bartholomäus eine gemeinsame Erklärung zur weiteren Annäherung ihrer Kirchen unterzeichnet. Darin wird erneut die vollkommene Einheit zwischen Ost- und Westkirche als Ziel angemahnt. Mit Blick auf den Terrorismus wird Gewalt im Namen der Religion verurteilt. Eindringlich heißt es, die christlichen Wurzeln Europas müssten gewahrt werden. Zugleich betonten sie am Donnerstag in Istanbul, die europäische Kultur müsse offen sein für andere Religionen und deren kulturelle Beiträge. Die Erklärung nennt weiter Religionsfreiheit als ein Gütezeichen für die Europäische Union.

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