Papst-Besuch in der Türkei
Auf politischer Mission

Der Papstbesuch in der Türkei beginnt mit einer Überraschung: Benedikt XVI. verspricht Unterstützung für Ankaras EU-Bewerbung – behauptet zumindest der türkische Premier Erdogan. Alle Wogen sind damit aber noch längst nicht geglättet. Eine Handelsblatt-Reportage.

ISTANBUL. Das Unmögliche, es wurde doch noch möglich: Als der Alitalia-Airbus mit Papst Benedikt XVI. pünktlich um 13.00 Uhr auf dem Esenboga-Flughafen ausrollt, steht Ministerpräsident Tayyip Erdogan am roten Teppich. Erdogan lächelt, der Papst lächelt, der Händedruck ist lang, selbst die Sonne spielt mit und strahlt von einem wolkenlosen Himmel, der sich über die anatolische Hochebene wölbt. Dabei standen noch drei Tage zuvor dunkle Wolken am politischen Firmament. Erdogan hatte trotzig erklärt, er könne den Papst keinesfalls treffen – sein Terminkalender sei zu voll. Gerade noch rechtzeitig besann sich Erdogan nun eines Besseren und wartete doch noch die Ankunft des Papstes ab, bevor er selbst zum Nato-Gipfel nach Riga startete. Und siehe da: Das Warten hat sich gelohnt – glaubt man dem türkischen Premier.

Fast 25 Minuten plauderten der Papst und der Regierungschef in der VIP-Lounge unter einem riesigen Porträt des streng dreinblickenden Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk. Und ob es nun der Geist des Europa zugewandten Atatürks war, eine Eingebung des Augenblicks oder eine wohl überlegte politische Positionsbestimmung: als Erdogan den Papst – der noch als Kardinal Ratzinger einen Beitritt der Türkei zur Europäischen Union als „schweren Fehler vor der Geschichte“ bezeichnet hatte – um Unterstützung für die EU-Kandidatur seines Landes bittet, soll Benedikt geantwortet haben: Er vertrete zwar keine politische Institution, „aber wir unterstützen Sie“.

So jedenfalls berichtete Erdogan später. Damit schien zumindest zwischen dem Premier und dem Papst das Eis gebrochen. Aber alle Wogen sind längst noch nicht geglättet – jene Wogen, die Benedikt selbst aufgewühlt hatte, als er in seiner umstrittenen Regensburger Rede einen byzantinischen Kaiser zitierte, der den Islam als „schlecht und inhuman“ bezeichnete. Viele strenggläubige türkische Muslime sahen darin eine Verunglimpfung ihrer Religion und eine Beleidigung ihres Propheten.

Damit bekam der Türkei-Besuch, der ursprünglich dem ökumenischen Patriarchen in Istanbul und dem Brückenschlag zu den von Bartholomäus I. repräsentierten 300 Millionen Christen dienen sollte, einen ganz anderen Akzent: Nun ist der Konflikt zwischen der islamischen und der christlichen Welt sein Thema.

Benedikt will versuchen, beides unter einen Hut zu bringen, sein pastorales Anliegen und die politische Herausforderung: Er begebe sich auf „eine Reise des Dialogs, der Brüderlichkeit und der Versöhnung“, sagte der Papst vor seinem Abflug. Die Türkei sei „schon immer eine Brücke zwischen den Kulturen und ein Treffpunkt für den Dialog“ gewesen.

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