Papst Franziskus in Neapel
Der Heilige in Gomorrha

Müllberge und Mafia: Neapel ist die schwierigste Stadt Italiens. Doch genau dorthin zieht es Papst Franziskus. Vor Ort besucht er zuerst nicht etwa die Prachtbauten, sondern die Armen – und legt sich mit den Mafiosis an.
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In Neapel gibt es seit Tagen kein anderes Thema mehr: Nur noch der Besuch von Papst Franziskus bewegt die Gemüter. Der Heilige Vater des Volks reist an diesem Samstag in die Hafenstadt, die wohl mit Recht als schwierigste Stadt Italiens bezeichnet werden kann. Trotz seiner Historie ist die süditalienische Stadt vor allem für brennende Müllberge und die örtliche Mafia Camorra bekannt. Doch der Papst wagt sich in die Höhle des Löwen.

Plakate am Hafen begrüßen schon jetzt den Papst. Die Lokalzeitungen diskutieren das Programm. Und das ist tatsächlich außergewöhnlich: Wie es sich für den Papst gehört, der die katholischen Würdenträger aufgerufen hat, in die Peripherien zu gehen, wird auch sein Hubschrauber am Morgen nicht etwa im polierten Stadtzentrum landen, sondern im Stadtteil Scampia. Dieses Viertel im Norden der Stadt ist seit dem Bestseller „Gamorrha“ von Roberto Saviano weltberüchtigt.

In Scampia mit seinen hässlichen Beton-Komplexen aus dem sozialen Wohnungsbau herrscht die Camorra. Hier wagen sich nur selten Polizisten oder Politiker hin. Das gleiche gilt für Geistliche, denen die Camorra das Leben schwer macht, wenn sie sich nicht fügen. Dass jetzt der Papst höchstpersönlich kommt grenzt für die Einwohner von Scampia an ein Wunder. Aber es passt zum Papst der Armen: „Wie sehr wünsche ich mir eine arme Kirche für die Armen!“, hat Franziskus gleich nach seinem Antritt verkündet und damit auch den luxuriösen Lebensstil vieler Geistlicher kritisiert.

Am Samstag Mittag wird der Papst, den das Time Magazine zum „Mann des Jahres“ gewählt hat, mit 90 Insassen in der Mensa des überfüllten Gefängnis Poggioreale essen – zehn davon Transsexuelle. Das Essen mit den Gefangenen war ursprünglich nicht geplant; aber Franziskus hat darauf bestanden.

Natürlich steht in Neapel auch das Stadtzentrum mit der wunderschönen Piazza del Plebiscito und der Dom auf dem Programm. Aber die Botschaft Franziskus ist auch diesmal klar: Die Kirche muss sich wieder den Menschen zuwenden – egal wie arm oder tief sie gefallen sind. Franziskus prangert angesichts der Tragödien im Mittelmeer die europäische Flüchtlingspolitik ebenso an wie die Verfolgung der Christen in muslimischen Ländern. Aber eben auch die Organisierte Kriminalität daheim, bei der die Katholische Kirche in der Vergangenheit zu oft ein Auge zugedrückt hat.

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  • Mich bedrückt die Euphorie, die Papst Franziskus besonders in Europa ausgelöst hat. Ich frage mich, ob seine Person nicht zu einem "Superman der Sozialarbeit" hinab stilisiert wird. Ich habe die beiden letzten Päpste persönlich gekannt und hautnah die Probleme gesehen, die sie mit ihrer Kurie hatten. Aus dieser Erfahrung heraus wage ich meine Kritik am Rummel anzubringen, den dieser (bewundernswerte) Mensch hervorruft. Ob aber unser Glaube dadurch gestärkt wird, wage ich zu bezweifeln. Hätte ich nicht am eigenen Leib unzählige von Demütigungen durch Exponenten des Vatikans erlitten und bei anderen beobachtet und wüsste ich nicht um die "steinzeitliche" Struktur der Kirchenzentrale, würde ich selbst lautstark jubeln. Ich hoffe dass das Heilige Jahr 2016, das der Barmherzigkeit gewidmet ist, auch innerhalb des Vatikans Früchte bringt. > www.vatikanbeobachter.com

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