Papstbesuch in Bayern
Freudentränen für Benedetto

Gelöst und fröhlich wirkt der Papst, immer wieder schüttelt er durch die Absperrgitter Hände, obwohl seine Begleiter zum Weitergehen drängen. Der Besuch von Benedikt XVI. in Altötting und in seinem Geburtsort Marktl am Montag ist geprägt von Herzlichkeit und zugleich von symbolträchtigen Momenten.

HB ALTÖTTING/MARKTL. Vor dem Antlitz der „Schwarzen Madonna“, die Joseph Ratzinger bereits als Kind verehrte, ruft der 79-Jährige bei einer Messe in Altötting mit 60 000 Pilgern die Menschen zu einer neuen Marienfrömmigkeit auf. Und später setzt er ein noch stärkeres Zeichen der Ehrfurcht und des Dankes für die Gottesmutter: Bei der Vesper am Abend widmet der Nachfolger Petri eine Nachbildung seines Fischerrings symbolträchtig der Madonna und stellt damit sein Pontifikat unter ihren Schutz.

Nicht wenige Christen hätten am fünften Jahrestag der Terroranschläge des 11. September auch eine politische Botschaft des Papstes erwartet, einen Appell zum Frieden in der Welt. Doch Benedikt XVI. gab bei dem Gottesdienst unter strahlend blauem Himmel in Altötting seine ganz persönliche Antwort auf das Böse auf der Welt: Die Menschen sollten ihr Schicksal ganz in die Hände Gottes legen und sich der Fürsprache Mariens anvertrauen, predigte er ihnen. Maria habe menschliche Not Gottes Macht anvertraut - „einer Macht, die über menschliches Können und Vermögen hinausgeht“.

Szenenwechsel, wieder Jubel, Fähnchen, „Benedetto“-Rufe und Pilger mit Freudentränen: In seinem Geburtsort Marktl nahm sich Joseph Ratzinger viel Zeit, begrüßte Ehrengäste wie Polizeibeamte, und drückte auch Messdienerinnen - lange Zeit im Vatikan ungern gesehen - herzlich die Hand. Marktl hatte zeitweise fürchten müssen, bei dem Heimatbesuch des Heiligen Vaters ausgespart zu werden. Vertraute hatten dem Papst wegen der Geschäftstüchtigkeit mancher Einheimischer von einem Besuch abgeraten, und der dem 2700-Seelen-Ort musste sich Hohn und Spott gefallen lassen. Von „Vermarktlung“ und „Media-Marktl“ war die Rede, weil einige Geschäftsleute die Wahl von Joseph Ratzinger zum Pontifex in klingende Münze umwandelten.

Doch am Montagabend war keine Rede mehr davon. Der berühmte Sohn stieg entgegen dem Protokoll bei der Rückfahrt von der Kirche vor seinem Geburtshaus sogar extra noch einmal aus dem Papamobil, um den jubelnden Menschen nahe zu sein. Die Flecken blauer Farbbeutel, die Unbekannte am Wochenende gegen die frisch renovierte Fassade geschleudert hatten, waren bereits wieder beseitigt. „Innerhalb von Stunden haben Freiwillige die Schmierereien beseitigt“, berichtet Bürgermeister Hubert Gschwendtner, der als Erster den Papst begrüßte. Wie auch in Altötting säumten tausende Menschen die Straßen, manche versuchten, von Schaukelgestellen oder Rutschen einen guten Überblick zu bekommen.

Immer wieder nimmt sich der Papst auch Zeit für stille Einkehr. Versunken und beinahe entrückt betet er vor der „Schwarzen Madonna“ in Altötting. Und lange verharrt er still an dem Taufbecken in der Marktler Pfarrkirche St. Oswald, in dem er noch am Tag seiner Geburt, dem 16. April 1927, in die Christengemeinschaft aufgenommen worden war. Der rund 150 Jahre alte Taufstein hatte zeitweise im Garten des Pfarrhauses ein eher trostloses Dasein gefristet, bis er von Historikern entdeckt und restauriert wurde. In der Pfarrkirche wartete sichtlich gerührt auch Ratzingers Bruder Georg.

Der 82-Jährige, einst zusammen mit Joseph Ratzinger am selben Tag zum Priester geweiht, hatte bereits den Gottesdienst auf der Altarinsel in Altötting im Messgewand mitgefeiert. Der gebrechlich wirkende Georg Ratzinger wird den Papst bis zu seiner Abreise an diesem Donnerstag auf allen weiteren Stationen der Reise in die Heimat begleiten. Vielen Gläubigen wird an diesem sonnigen Spätsommertag fast mit Wehmut klar, dass Benedikt XVI. wohl zum letzten Mal „im Herzen Bayerns und einem der Herzen Europas“ sein wird, wie er den Ort nahe der Grenze zu Österreich genannt hat.

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