Pascal Lamy
Der Hexenmeister zu Genf

Der Chef der Welthandelsorganisation, Pascal Lamy, sucht die magische Formel für den Abschluss der Doha-Runde im kommenden Jahr.

HB DÜSSELDORF. Als die Delegierten aus aller Welt nach sechs Tagen und sechs Nächten entnervender Feilscherei vor seinem Büro müde und ungeduldig Schlange standen, kam sich WTO-Chef Pascal Lamy fast so vor, als hätte er den nächsten Band von Harry Potter im Angebot. Tatsächlich aber handelt sein Werk nicht von phantastischen Zauberkünsten, sondern von drögen Handelsstrategien. Es trägt nicht einmal Harry Potter im Titel. "Doha Work Programme" heißt das 40-seitige Schriftstück, das unter Experten in Hongkong an jenem Dezembermorgen vor zwei Wochen reißenden Absatz fand. Ein Papier, das noch für viel Aufregung im nächsten Jahr sorgen dürfte.

Für seine Lektüre ist Phantasie allemal nötig. Und sein Inhalt hat auch mit Magie zu tun. Lamy beschreibt den Versuch einer Quadratur des Handelskreises: Wie man 150 Länder mit 150 Interessen aus Nord und Süd unter einen Hut bekommt. Um sein erstes Oeuvre als neuer Chef der Welthandelsorganisation (WTO) zu vollenden, hatte Lamy Handelsminister aus 149 Ländern, 5 800 Delegierte, 3 200 Journalisten und 2 100 Vertreter von Nichtregierungsorganisationen zum Gipfeltreffen gebeten.

Mit dabei waren 2 000 ungeladene Gäste: wütende Bauern aus Südkorea, die mit Bambusstangen und Eisenstäben genau das zu verhindern trachteten, was im mondänen Ausstellungszentrum Hongkongs beschlossen werden sollte: der Abbau von weltweiten Handelsschranken, von Subventionen und Zöllen. Das wollten die koreanischen Farmer nicht dulden, denn dann wäre ihr hoch geschützter Reisanbau nicht mehr wettbewerbsfähig.

Der Protest der Koreaner ging unter im Einsatz von Pfefferspray und Wasserwerfern. Die Delegierten bekamen davon nur auf dem Bildschirm etwas mit. Sie gerieten sich auch ohne Gewalt in die Haare: Bei der Exegese von Klammern im Text, von Begriffen wie "front loading", "early harvest", "Nama", oder "de minimis limits". Kein Stoff für Harry-Potter-Freunde, aber Kernbegriffe für die Zukunft des Welthandels.

Die WTO lädt alle paar Jahre zu solchen Events. An Unterhaltungswert fehlt es ihnen nicht, selbst wenn man die Sprache der Unterhändler nicht versteht. Denn auf der Straße spielt sich mit schöner Regelmäßigkeit das gleiche Beiprogramm ab.Demos und Proteste, oft phantasievoll, leider oft auch mit Gewaltdurchsetzt. Daher ist die WTO längst nicht überall wohl gelitten. Seattle, Cancun und Hongkong verbindet nun eines: lodernde Gewalt auf der Straße und erbitterte Wortgefechte im Konferenzsaal.

Dabei ist die WTO eigentlich eine ganz normale internationale Organisation: Sitz in Genf, 630 Mitarbeiter, 149 Mitglieder, 140 Mill. Dollar Budget - etwa ein Fünftel dessen, was der Weltfußballverband Fifa jährlich ausgeben kann. Damit soll sie über den globalen Handel wachen, neue Regeln für dessen Funktionieren ausarbeiten und Streitereien schlichten.

Genau das bringt die Gemüter oft in Wallung. "Es ist so, als ob man Gleichgewicht in einem kleinen Boot bewahren will, das mitten in einem Sturm die andere Seite des Flusses erreichen soll", umschreibt Lamy seinen Job. Denn die Entwicklungsländer drängen mit Macht auf die Märkte der Industriestaaten. Auf jene Märkte also, wo die Arbeitslosigkeit hoch, das Wachstum niedrig, die Innovationskraft unter Druck und die Produktivität gering ist. Kein Wunder, dass EU und USA, Japan und Korea ihre Märkte mit Zöllen und Subventionen zu schützen trachten.

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