Periscope in Paris
Die Medienrevolution verschwimmt in Wackelbildern

Nach den Terroranschlägen von Paris sendeten viele Smartphone-Nutzer Live-Videos aus den Straßen ins Netz. Eine oft herbeigeschworene Revolution der Berichterstattung durch die verwackelten Bilder blieb indes aus.

Berlin/ParisMit einem Smartphone hat heute jeder seinen eigenen Nachrichtensender in der Tasche - so lautet das große Versprechen von Livestreaming-Apps wie Twitters Periscope oder des Konkurrenten Meerkat. Doch die Beispiele der vergangenen Tagen mit den Terroranschlägen in Paris zeigten eher, wie weit eine Medienrevolution durch Jedermann als Amateur-Reporter noch entfernt ist.

Tatsächlich zückten viele Menschen, die sich in der Nähe der Attentate am Freitag oder der gewaltigen Polizeiaktion im Vorort Saint-Denis befanden, ihre Smartphones und gingen live auf Sendung. Doch das Ergebnis waren meist verwackelte, wenig aufschlussreiche Bilder. Polizei auf den Straßen, laufende Menschen, gelegentlich eine Sirene im Hintergrund. Die Bilder waren angesichts schwacher Netzqualität verschwommen, viel erzählen konnten die Autoren auch nicht.

Dem Dienst machte auch der Ansturm der Anwender zu schaffen: Periscope ging am Freitagabend relativ schnell vom Netz und lief erst nach Mitternacht wieder stabil. Gespeicherte Videos wurden danach zum Teil mehrere zehntausend Mal angesehen - die Periscope-App hat eine Karte, auf der beendete Videostreams zu finden sind.

Bei dem stundenlangen Polizeieinsatz in Saint-Denis waren auch Vertreter klassischer Medien per Livestreaming dabei. Für den „Stern“ rannte Reporter Philipp Weber mit Smartphone in der Hand hinter Polizisten mit gezogener Waffe durch die Straßen. Worum es eigentlich ging, blieb bis zum Schluss unklar. Weber erntete für die Aktion prompt harsche Kritik. „Es geht hier ausschließlich ums Mittendrin-statt-nur-dabei-Sein, um einen obszönen Nervenkitzel“, schrieb Medienkritiker Stefan Niggemeier in seinem Blog.

Unterdessen wird in Paris in großem Stil versucht, aufgezeichnete Videos aus der Anschlagsnacht und den darauffolgenden Tagen an die Medien zu verkaufen. „Wenn Schüsse und ein Polizist zu sehen sind, aus der Ferne, in der Nacht, kostet das 500 Euro. Nur der Ton - das macht 100 Euro“, berichtete der Pariser Bürochef des ostfranzösischen Zeitungsgruppe Ebra, Pascal Jalabert, im Sender FTVinfo. In Saint-Denis versuchten Jugendliche, ihre Videos für 100 bis 300 Euro loszuwerden.

Die Aufnahmen einer Überwachungskamera aus einem der Restaurants, die am Freitag Ziel der Attentäter wurden, sei für 50.000 Euro angeboten worden, sagte Hervé Béroud vom Sender BFM-TV der Zeitung „Le Monde“. Die Station habe abgelehnt, weil das Video „schockierend“ sei. Dem „Journal de Dimanche“ hätten zwei Augenzeugen noch in der Nacht der Anschläge Videos und Bilder aus den Restaurants für 1000 Euro verkaufen wollen. Einige Fotos, auf denen Opfer zu sehen waren, landeten im Netz, wurden jedoch meist schnell entfernt. Die „Daily Mail“ stellte Aufnahmen von Überwachungskameras ins Netz, auf denen sich Gäste in einem Lokal in Sicherheit bringen.

Unter anderem die „New York Post“ veröffentlichte derweil die Aufzeichnung eines Periscope-Livestreams, der im Pariser Club Bataclan kurz vor dem tödlichen Angriff gemacht wurde. Das Video schockiert vor allem mit der Normalität des Geschehens, das an jedes andere Rock-Konzert erinnert.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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