Pharmabranche
Vorteil für Europa

Ein Favoritenwechsel verändert das Gesicht der Pharmabranche: Ende des vergangenen Jahrzehnts schienen die großen US-Konzerne übermächtig, die europäische Arzneimittelindustrie im steten Niedergang. Inzwischen hat sich das Bild gewandelt. Die Strategien der Europäer überzeugen.

FRANKFURT. Sowohl was die Geschäftszahlen angeht als auch in der Bereinigung ihrer Strukturen zeigt die europäische Arzneimittelindustrie derzeit eine stärkere Bewegung als ihre US-amerikanische Konkurrenz. Auch 2007 dürften sie weiter Boden gutmachen. Mit drei mittelgroßen Übernahmen - darunter der Kauf von Schering durch Bayer und die Übernahme von Serono durch die Darmstädter Merck-Gruppe - waren europäische Unternehmen im Fusionsgeschehen 2006 wieder tonangebend.

Aus dem Mittelfeld heraus entwickeln sich damit neue Akteure, die eine Chance haben, Anschluss an die Spitzengruppe zu halten. Gleichzeitig zeigen europäische Firmen auf der operativen Ebene die bessere Performance, vor allem was die Wachstumsraten betrifft. In den ersten neun Monaten steigerten die führenden europäischen Pharmakonzerne ihre Erlöse im Schnitt um etwa elf Prozent, während die großen US-Hersteller nur drei Prozent Umsatzwachstum ausweisen. Bei den Renditen liegen die Europäer zwar noch immer etwas zurück. Aber was die Ertragszuwächse betrifft, schneiden sie mit einem Plus von etwa 14 Prozent bei den operativen Gewinnen derzeit im Schnitt doppelt so gut ab wie die US-Konkurrenz. Ein Trend, der sich 2005 erstmals offenbarte, hat sich damit weiter gefestigt und dürfte nach Einschätzung vieler Branchenkenner vorerst anhalten. "Die europäischen Pharmakonzerne sind derzeit alles in allem in der besseren Verfassung", sagt Christian Wenk, Pharmaexperte der Ratingagentur Standard & Poor?s.

Eine zentrale Rolle spielen dabei Produktzyklen und Innovationskraft. Nach einer Durststrecke in den späten 90er-Jahren haben europäische Firmen ihre Forschungs- und Entwicklungsstrategien verbessert und Produktsortimente verjüngt. Sie hatten daher in den vergangenen beiden Jahren weniger gravierende Patentabläufe zu verkraften als ihre US-Konkurrenten. Das geht voraussichtlich in den nächsten Jahren so weiter: Nach Schätzung der Marktforscher von IMS Health werden von 2006 bis 2010 Medikamente mit einem Gesamtumsatz von 74 Mrd. Dollar ihren Patentschutz verlieren, darunter Bestseller wie die Cholesterinsenker Zocor von Merck & Co und Lipitor von Pfizer. US-Konzerne sind von dieser Belastung überproportional stark betroffen.

Zudem hatten sie in der Produktentwicklung besonders schmerzliche Rückschläge zu verkraften: Anfang Dezember etwa Branchenprimus Pfizer mit seinem potenziellen Blockbuster Torcetrapib. Diesem Wirkstoff zur Verbesserung der Cholesterinwerte trauten Analysten und Manager Umsätze von mehr als zehn Mrd. Dollar zu. Doch nachdem man das Projekt auf Grund erhöhter Herz-Kreislauf-Risiken einstellen musste, haben sich die Perspektiven drastisch eingetrübt. Es fehlt der Nachfolger für den Umsatzträger Lipitor, der 2010 den Patentschutz verliert.

Merck & Co, einst eine Ikone der US-Pharmabranche, musste in den zurückliegenden Jahren vier hoffnungsträchtige Projekte aufgeben, die sich in der Spätphase der klinischen Tests befanden. Hinzu kamen heftige Einbußen und Belastungen durch den Vermarktungsstopp für das Schmerzmittel Vioxx und schließlich der Patentablauf des Cholesterinsenkers Zocor.

Auch europäische Konzerne blieben von Rückschlägen in der Forschung keineswegs verschont. Astra-Zeneca etwa musste mehrere wichtige Entwicklungsprodukte einstellen, zuletzt ein fast marktreifes Mittel gegen Schlaganfälle. Allerdings hat der britische Konzern momentan kaum gravierende Patentabläufe zu verkraften.

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