Pokémon Go
Nintendos Weg zur Weltherrschaft

Die Welt dreht wegen einer Handy-App völlig durch. Pokémon Go lässt Nintendos Aktie in die Höhe schnellen und hat nach zwei Tagen schon den Alltag vieler Spieler im Griff – auch in der Handelsblatt-Redaktion.

Düsseldorf„Kannst Du mir Pokébälle schicken? Ich will ein Tauboga und habe keine Pokébälle mehr!“ Kennen Sie Sätze wie diese am Arbeitsplatz? Glückwunsch, dann haben auch Sie Kollegen, die von „Pokémon Go“ besessen sind. Seit Mittwoch ist die App um die Fantasiewesen Pokémon (kurz für: Pocket Monster) in Deutschland für iOS und Android erhältlich.

Zehn Jahre nachdem die „Schnapp sie Dir alle!“-Kampagne um die putzigen Viecher dem japanischen Videospielhersteller Nintendo und zahllosen Lizenznehmern erstmals ein gigantisches Geschäft bescherte, feiert das animierte Sammelkartenspiel sein Debüt auf dem Smartphone. Und auch diesmal sieht es nach Verkaufsrekorden aus. Der Kurs der Nintendo-Aktie legte als Reaktion auf Wochensicht spontan um mehr als 50 Prozent zu.

Downloadzahlen rücken die Entwickler Niantic und The Pokémon Company, eine Nintendo-Tochter, bisher nicht heraus. Nutzerzahlen können bislang nur geschätzt werden, ein dreistelliger Millionenbereich weltweit scheint aber nicht unwahrscheinlich. Die App selbst ist kostenlos und startete in den vergangenen Wochen bereits im englischsprachigen Raum. Analysetools für Webstatistiken zufolge hat dort die Zahl aktiver Nutzer inzwischen schon die Dating-Plattform Tinder und den Kurznachrichtendienst Twitter überholt. Und: Die Google-Statistiken weisen inzwischen mehr Suchanfrage nach Pokémon Go als nach Pornographie aus.

Das wirklich Schlimme ist: Das Pokémon-Fieber ist ansteckend. Und zwar viel ansteckender als in den vergangenen 20 Jahren. Bisher fesselte das Spiel meist Kinder und Jugendliche, die dem simplen, aber lange motivierenden Spielprinzip auf dem Leim gingen. Die Spiele, massiv befeuert durch eine erfolgreiche Zeichentrickserie, kultivierten den Trieb des Jägers und Sammlers. Pokémon wollten gefunden, gefangen, trainiert und in Kämpfe geschickt werden. Die Smartphone-App bringt die kleinen Monster mit der großen Fangruppe aus der abstrakten Fantasiewelt in die Realität. Dank „Augmented Reality“ lassen sich die digitalen Tiere in der direkten Umgebung blicken. An den Ausspruch „unter meinem Schreibtisch sitzt ein Rattfratz“ sollten Sie sich vielleicht gewöhnen.

Wäre der Newsroom des Handelsblatt exemplarisch für die Gesamtentwicklung, würde sich die Pokémon-Welle von nichts und niemanden, Chefredakteure mit einbegriffen, aufhalten lassen. Die Kollegen jagen. Teils aus alter Verbundenheit, weitgehend aus Neugier darauf, was technisch inzwischen möglich ist. Das trifft auch auf den Autor dieser Zeilen zu: Hatte ich es trotz Videospielaffinität immer vermieden, Geld für Pokémon-Titel auszugeben, macht die kostenlose App den Widerstand zwecklos. Unmittelbar vor der Redaktion entdecke ich einen Poké-Stop, wo nützliche Spielgegenstände versteckt sind. Und auch daheim finde ich gleich drei dieser Verstecke. Auf meinem Sofa erwartet mich eine schwarze Kugel mit bösen Augen: Nebulak, ein Gift-Pokémon.

„Ich wusste bis gestern nicht, wozu ein Pokéball gut ist. Heute habe ich schon mindestens 50 dieser Dinger gesammelt“, sagt etwa die Kollegin, die mich zuvor um Unterstützung gebeten hatte. „Pikachu fand ich als Kind schon süß. Mit Pokémon an sich hatte ich aber nichts am Hut.“ Taubsi, Enton oder Traumato sind für sie, wie für viele andere, neu. Ein anderer Kollege gibt zu, dass er dem Hype zunächst nichts abgewinnen konnte: „Einen Tag lang habe ich sie als Freaks beschimpft, jetzt spiele ich es selber“, führt er aus, „und ich beginne mein Lebensumfeld danach zu klassifizieren.“ Pokémon Go als Gruppendynamik. Nintendo war vielleicht noch nie so nah an der Weltherrschaft.

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