Provenzano ist gläubiger Katholik
"Pate" seit 40 Jahren nicht zu fassen

Der "Mann ohne Gesicht“ oder „das Gespenst“ feiert Jubiläum: Bernardo Provenzano, höchster Mafia-Boss in Italien, ist seit genau 40 Jahren auf der Flucht: Die Polizei bekam ihn noch nie zu Gesicht - um das "Phantom" ranken sich mittlerweile Legenden.

HB ROM. „Eine Flucht ohne Beispiel in Europa und in der Welt“, kommentierte eine Zeitung in Rom. Die Ermittler sind sich ziemlich sicher, wo der „Pate“ steckt: in der Nähe seines berühmt-berüchtigten Heimatdorfes in den Bergen Siziliens. „Ein König kann nur im eigenen Land regieren“, meint ein hoher Staatsanwalt in Palermo. „Er ist in der Gegend von Corleone.“

Um das „Phantom“ ranken sich Legenden. „Er schießt wie ein Gott. Schade, dass er das Hirn eines Huhns hat“, urteilt ein Boss. Sechs Mal verurteilten die Richter Provenzano (70) zu lebenslänglich. Mehrmals hatte die Polizei ihn totgesagt. Dann hieß es, er leide an einer Nierenkrankheit und habe sich in Krankenhäusern in Palermo und Genua behandeln lassen. Angeblich sei er Ende der 90er Jahre auf Sizilien in eine Straßenkontrolle geraten - doch die Polizisten hätten nicht bemerkt, wer ihnen ins Netz gegangen sei. Immer wieder zieht Provenzano den Kopf aus der Schlinge: Die „Omertà“, das Gesetz des Schweigens, funktioniert.

1993, als der „Boss der Bosse“, Toto Riina, gefasst wurde, hat Provenzano nach Darstellung der Fahnder bei der Cosa Nostra das Kommando übernommen. „Ich bin der Boss und lebe in Palermo“, habe er dem Staatsanwalt geschrieben. Der Mann im Dunkeln gebe die Aufträge beim Geschäft mit Drogen und Erpressung. Briefe schreiben, so die Fahnder, sei eine seiner Leidenschaften, vor allem an die Familie. „Küsse mir die Kinder“, beende er seine Briefe, gelegentlich auch mit „Der Herr segne und behüte Euch“. Ein zärtlicher Familienvater sei er, ein gläubiger Katholik, ein Mitglied der „Ehrenwerten Gesellschaft“ eben.

Seine Ehefrau und seine beiden Söhne Angelo und Paolo hätten zeitweise in Deutschland gelebt. Seit Anfang der 90er sind sie wieder in der Mafia-Hochburg Corleone. Dort betrieben sie eine Wäscherei, bis die Behörden ihnen das untersagten. Experten gehen davon aus, dass die Eheleute sich ab und zu treffen. Als vor ein paar Jahren eine der engsten Vertrauten Provenzanos in die Falle ging, kam bei den Fahndern Hoffnung auf, dass man „das Gespenst“ doch zu fassen kriegt. „Jedes Polizeiauto in Sizilien hat ein Computerbild bei sich, wie Provenzano heute aussehen könnte“, berichtete eine Zeitung pünktlich zum Jubiläum. Genutzt hat das bisher nichts. „Viele Bauern bei Corleone könnten uns sagen, dass er vor zehn Minuten vorbeigekommen ist“, sagte schon vor ein paar Jahren der Staatsanwalt von Palermo. „Aber sie tun es nicht.“

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