Prozess in München
Mordwaffe im Zentrum bei NSU-Verhandlung

Am Donnerstag ist die Befragung eines ehemaligen Ladenbesitzers eskaliert. Der Richter und ein Nebenkläger gerieten derart aneinander, das die Verhandlung unterbrochen wurde.
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MünchenDer frühere Besitzer eines Ladens für die rechtsradikale Szene in Jena hat möglicherweise bei der Beschaffung einer NSU-Mordwaffe geholfen. Der 40-Jährige schloss am Donnerstag vor dem Münchner Oberlandesgericht nicht aus, dass ihn der mitangeklagte Ralf Wohlleben um die Jahrtausendwende fragte, ob er eine Pistole besorgen könne. Genau erinnere er sich daran aber nicht mehr, sagte er. Er habe Wohlleben nach seiner Erinnerung an einen Kollegen verwiesen und ansonsten nichts mit dem Waffengeschäft zu tun haben wollen. Das Gericht vernahm den Mann im NSU-Prozess über Stunden - und will ihn in der nächsten Woche noch einmal hören.

Ihm droht unter Umständen ein Verfahren wegen Falschaussage oder Aussageverweigerung. „Da steht eine Straftat im Raum“, sagte Oberstaatsanwalt Jochen Weingarten über die zahlreichen Erinnerungslücken des Zeugen. Dieser hatte immer wieder geltend gemacht, die Vorgänge seien zu lange her, er erinnere sich darum nicht mehr. „Wir haben den ersten Szenezeugen, dessen Erinnerungslücken an Aussageverweigerung grenzen“, kommentierte Rechtsanwältin Gül Pinar, die NSU-Opfer vertritt, die Aussagen des Mannes.

Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl hatte den Zeugen mehrmals ermahnt, bei der Wahrheit zu bleiben, und hielt ihm seine früheren Aussagen bei der Polizei vor. Damals hatte er angegeben, „dass Ende der 1990er Jahre mehrfach Leute in den Laden kamen und nach Waffen gefragt haben“. Damals besaß er ein Geschäft, in dem er einschlägige Kleidung, Accessoires und Musik vorzugsweise an die rechtsextreme Szene in Jena verkaufte.

Vor Gericht sagte er zu seinen früheren Aussagen, es sei damals vermutlich „meistens um Schreckschusswaffen“ gegangen. Richter Götzl hakte nach: „Mich würden die Fälle interessieren, die weniger vorkamen.“ Manchmal habe er eine Armbrust im Angebot gehabt und seinen Kunden ansonsten gesagt, dass es Waffen in seinem Laden nicht gebe, antwortete der Zeuge.

Als der Nebenklage-Anwalt Alexander Hoffmann den Zeugen nach verbotenem Propagandamaterial fragte, das dieser verkauft und bei sich zu Hause gelagert habe, geriet er lautstark mit Richter Götzl aneinander. Götzl beanstandete die Frage aus formalen Gründen, was der Rechtsanwalt nicht hinnahm. Nach einem erregten Wortwechsel unterbrach das Gericht die Verhandlung, „um die Gemüter zu beruhigen“.

Die drei mutmaßlichen Terroristen des „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) kannte der Zeuge nach eigener Aussage als Kunden seines Geschäftes. Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt habe er gelegentlich auch auf der Straße getroffen und gegrüßt. Mit der Hauptangeklagten Beate Zschäpe wechselte er im Gerichtssaal mehrfach Blicke. Die beiden lächelten sich immer wieder zu.

Bei der Waffe geht es um die Pistole vom Typ Ceska, mit der neun der zehn dem NSU zugerechneten Morde verübt worden waren. Ursprünglich stammt die Waffe aus der Schweiz, wo sie durch mehrere Hände ging und dann nach Deutschland verkauft wurde.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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