Prozess
Wo sind Munchs Bilder?

Am Dienstag beginnt in Oslo der gegen fünf mutmaßliche Täter und einen weiteren Angeklagten wegen Hehlerei. Den Angeklagten wird vorgeworfen, vor 17 Monaten die weltberühmten Bilder „Der Schrei“ und „Madonna“ aus dem Osloer Munch-Museum gestohlen zu haben. Weit mehr als das Urteil interessiert Norweger und Kunstliebhaber in aller Welt, ob das sechswöchige Verfahren den Durchbruch zum Auffinden der nach wie vor verschwundenen Gemälde bringt.

HB OSLO. Peinlich könnte es für die Polizei werden, wenn sich frühere Aussagen bestätigen, wonach die Fahnder beide Bilder praktisch schon in Griffweite hatten, aber sie auf der Jagd nach weiteren Hintermännern nicht sicherstellten.

Am 22. August 2004 waren zwei bewaffnete und maskierte Gangster morgens um elf Uhr in das Osloer Munch-Museum eingedrungen, hatten die beiden berühmtesten Bilder des norwegischen Expressionisten von der Wand gerissen und waren mit einem dritten Mann als Fahrer in einem schwarzen Audi geflüchtet. Museumsbesucher berichteten, dass die Täter brutal gegen die unersetzlichen Kunstschätze traten, um sie aus ihren Rahmen zu lösen.

In den folgenden Monaten wurden sechs Männer im Alter zwischen 34 und 38 Jahren festgenommen, die nach Meinung der Polizei zum harten Kern der organisierten Kriminalität in Norwegen gehören. Als geheimer „Boss“ des gesamten Unternehmens gilt für manche der 30 Jahre alte David Toska. Er sitzt zusammen mit 12 weiteren Männern seit Monaten auf der Angeklagebank im Prozess um den spektakulärsten Geldraub der norwegischen Geschichte.

Wie in einem Gangsterfilm hatten maskierte Männer mit Maschinenpistolen im April 2004 in Stavanger eine Geldzentrale ausgeraubt und dabei einen Wachmann erschossen. Toska könnte den „leichteren“, aber auch viel spektakuläreren Munch-Raub angeordnet haben, um Fahnder zu binden oder sich eine Art Versicherung bzw. Erpressungsmittel zum Stavanger-Raub zu verschaffen. Wie viel die beiden unverkäuflichen Bilder wert sein könnten, bezifferte die Stadt Oslo als Eigentümerin. Sie verlangt von den Angeklagten 700 Millionen Kronen (86 Millionen Euro), wenn die Bilder nicht wieder auftauchen oder zerstört sein sollten. Staatsanwalt Terje Nybøe will 32 Zeugen aussagen lassen und die jeweils individuell mögliche Höchststrafe von 12 Jahren auf 17 Jahre schrauben, weil es um organisierter Kriminalität gehe. Am Tag des Prozessbeginns öffnet im New Yorker Museum of Modern Art die größte Munch-Ausstellung der letzten Jahrzehnte ihre Pforten. In der vergangenen Woche konnte der Osloer Reeder Fred Olsen bei Sotheby's in London 177 Millionen Kronen für acht Munch-Gemälde erlösen. „Edvard Munch ist in aller Munde wie schon lange nicht“, meinte die Osloer Zeitung „Aftenposten“.

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