Psychologie
Wenn Hunde zu sehr geliebt werden

Gottesdienste, Tanzkurse, Friseursalons: Dem Hund von Welt fehlt es heutzutage an nichts. So manchem Halter ist das Tier bereits Mensch geworden. Psychologen und Soziologen kommen einem Wahn auf die Spur.

DÜSSELDORF. Für ihren Thunfischstrudel, die Gourmet-Muffins, Elch-Kekse und den Hasenschmaus verwendet Friederike Friedel „nur Naturprodukte“. Denn die Kunden der Bäckerei „Dog’s Deli“ in Düsseldorf sind anspruchsvoll. Für die Gaumenfreuden ihrer Hunde zahlen sie bis zu 3,90 Euro pro 100 Gramm. Nur 100 Meter entfernt kann Frauchen (Herrchen sieht man eher selten) bei „Hundestolz“ für 89 Euro ein rosarotes Halsband mit funkelndem Strass-Besatz kaufen („die Vereinigung von Luxus und Tragekomfort“) oder eine Wiege („Zum Träumen schön!“) für 135 Euro.

Wie ein Blick in die Zeitschrift „Nippers“ („Düsseldorfs Stadtmagazin für Hundefreunde“, Auflage 20 000 Stück) zeigt, kann man auch gemeinsame Tanzkurse („DogDance“) besuchen. Sogar für das Hunde-Seelenheil ist gesorgt: Gottesdienste mit „Tier-Segnung“ finden in der katholischen Kirche St. Margareta in Düsseldorf-Gerresheim statt. Und wenn der Hund stirbt, wird er im Tierfriedhof „Sonnenblume“ beigesetzt. In einem Artikel derselben Zeitschrift berichtet eine Autorin vom Tod ihrer Hündin: „Ihre Decke und ihr Lieblingsspielzeug nahm Chiara mit auf die andere Seite, wo sie irgendwann mit denen vereint sein wird, die sie so sehr geliebt haben.“ Das passende Buch dazu heißt „Tiere erzählen vom Tod“ von Penelope Smith. 68 Prozent der hundehaltenden Frauen (56 Prozent der Männer) sagen einer Studie des Berliner Soziologen Bernhard Dieckmann zufolge, man solle Hunde „in Ehren bestatten“.

„Ein Symptom der Dekultivierung“ nennt der Psychologe Jens Lönneker vom Rheingold-Institut solche Exzesse. Das sei „Ausdruck von Einsamkeit und Suche nach Nähe“. Der Versuch also, die im Laufe der Kulturgeschichte gewachsene Distanz zum Tier wieder zu überwinden.

„Wer nie einen Hund gehabt hat, weiß nicht, was lieben und geliebt werden heißt“, schrieb der Philosoph, Pudel-Liebhaber und Frauen-Feind Arthur Schopenhauer. Doch wie jede Liebe kann auch diese zum Wahn werden. Lönneker hat in seinen Sitzungen oft von Hundehaltern gehört, dass sie das Tier statt des Partners ins Bett nehmen. Ein tief depressiver Mann erzählte dem Psychologen, dass nur der mitfühlende Blick seines Hundes ihn von der Selbsttötung abgehalten habe („Er wusste, wie es in mir aussah“).

„Hunde reden ständig. Man muss nur lernen, ihnen zuzuhören“, ist der Leitspruch der „Hund-mit-Mensch-Schule“ im bayerischen Regnitzlosau. Die Schule bildet vor allem Blinden- und Suchhunde aus, doch die Grenze zwischen ernsthafter Wissenschaft („Kynologie“) und Esoterik ist in der Szene der Hundefreunde schnell überschritten. Die Naturheilkunde-Schule „Alterna medica“ bildet auch „Tierheilpraktiker“ aus. Scharlatane wie Stefanie Grabolle aus Dassendorf bieten ihre Dienste als „Tierkommunikatoren“ an: Dazu gehört nicht nur das „Gespräch“ mit kranken oder „unglücklichen“ Hunden, sondern auch mit toten (Ein Foto des Hundes und 80 Euro genügen ihr!). Die Zeitschrift „Dogs“ berichtet darüber ohne jegliches Wort der Kritik.

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