Reformen
Auf hohem Sockel

Sinkt die Arbeitslosigkeit, lassen sich Reformen leichter durchsetzen. 2007 wird deshalb ein Schicksalsjahr: Die Politik hat es in der Hand, die gute Entwicklung zu stärken.

BERLIN. Die magische Zahl lautet 3 612 330. Würde die Arbeitslosigkeit im neuen Jahr unter diesen Wert sinken, dann könnte man mit gutem Gewissen von einer echten Besserung auf dem Arbeitsmarkt sprechen. Obwohl die Statistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) seit einiger Zeit wieder für positive Überraschungen gut ist, gehört dazu aber eine gehörige Portion Optimismus. Nachdem die Arbeitslosenzahl im November knapp unter die Vier-Millionen-Marke gesunken ist, geht es nun in den Wintermonaten wieder in die andere Richtung.

Warum 3 612 330? Das war die Arbeitslosenzahl im Oktober 2000, auf dem Höhepunkt des Konjunkturaufschwungs. Ähnlich wie heute gab sich auch damals die Bundesregierung überzeugt, die ersehnte Trendwende am Arbeitsmarkt sei geschafft. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hatte das Ziel ausgegeben, die Arbeitslosenzahl auf 3,5 Millionen zu senken. Und das war nun plötzlich in greifbarer Nähe.

Kurz darauf brach die New Economy zusammen. Die Weltwirtschaft kühlte ab und wurde durch die Terroranschläge vom 11. September 2001 zusätzlich geschwächt. Schließlich geriet die Bundesanstalt für Arbeit selbst in den Strudel eines Skandals. Die Bundesregierung reagierte mit dem Entwurf der Agenda 2010, aber auch mit einem Realitätsverlust, der bis heute das Vertrauen in die Arbeitsmarktpolitik belastet: Es sollte gar eine Halbierung der Arbeitslosigkeit möglich sein.

Tatsächlich folgt die Entwicklung am deutschen Arbeitsmarkt seit bald vier Jahrzehnten dem gleichen Muster: Die so genannte Sockelarbeitslosigkeit steigt stufenweise mit jedem Konjunkturzyklus an. Zwar geht die Arbeitslosenzahl im Aufschwung jeweils zurück, im darauf folgenden Abschwung steigt sie jedoch umso stärker an. Die interessante Frage ist daher, ob sich dieses Muster durchbrechen lässt. Daher die Bedeutung der Zahl 3 612 330. Die Arbeitslosenquote, die nach einem Höchststand von 12,7 Prozent im Winter 2005 zuletzt bei 9,6 Prozent lag, müsste mindestens auf 8,9 Prozent sinken.

Der Maßstab ist zugegebenermaßen nicht ganz fair, weil die Statistik seit den Hartz-Reformen eine Reihe von Arbeitslosen erfasst, die früher gar nicht registriert waren. Doch mit umso größerer Gewissheit ließe sich im Erfolgsfall feststellen, dass sich die Lage am Arbeitsmarkt grundlegend verbessert hat.

Das lässt sich auch anhand der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung verfolgen. Nur sie ist hier zu Lande über den Vorwurf erhaben, sie sei "prekär" und damit unsozial. Dann liegt die Messlatte allerdings erheblich höher: Im Herbst 2000 gab es noch 28,3 Millionen solcher Normalarbeitsverhältnisse, der aktuelle Aufschwung hat Deutschland gerade einmal einen Anstieg auf knapp 26,9 Millionen beschert.

Seite 1:

Auf hohem Sockel

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%