Regierungsplan vorgestellt
Japans Kampf gegen die Selbstmordrate

Asiens zweitgrößte Volkswirtschaft galt einst als Hochburg für Suizide. Ein Regierungsprogramm konnte die tragischen Fälle deutlich reduzieren, Ministerpräsident Abe weitet die Maßnahmen dennoch deutlich aus.
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TokioJapan will sich endgültig aus der Spitzengruppe der Länder mit den höchsten Selbstmordraten verabschieden. Am Dienstag beschloss die Regierung von Ministerpräsident Shinzo Abe einen Plan, innerhalb der kommenden zehn Jahre die Zahl der Selbstmorde pro 100 000 Einwohner um 30 Prozent von 18,5 auf 13 zu senken. Damit würde sich das Land vom zweitschlechtesten Niveau unter großen Nationen nach Russland immerhin auf das Niveau von Deutschland verbessern. Länder wie Großbritannien oder Italien haben allerdings noch weit niedrigere Raten.

Die Regierung versucht mit dem Plan, an die Erfolge der vergangenen Jahre anzuknüpfen. Im vorigen Jahrzehnt war Japan noch berüchtigt als Selbstmordnation. 2003 erreichte die amtliche Zahl mit 34.427 Suiziden einen traurigen Höhepunkt. Doch kurz nachdem die Regierung 2007 begann, Hotlines für Verzweifelte einzurichten und die Aufklärung von Behörden, Firmen und Öffentlichkeit zu verbessern, setzten immer weniger Menschen ihrem Leben selbst ein Ende.

2016 verzeichnete die Statistik noch rund 22.000 Suizide, mehr als ein Drittel weniger als im Rekordjahr. Laut des japanischen Gesundheitsministeriums lag Japan damit zwar 2014 noch auf dem sechsten Platz auf der Rangliste des Leidens. Aber immerhin übertraf die Realität das Ziel der ersten Kampagne deutlich, die Selbstmordrate um ein Fünftel zu senken. Sollte Japans Gesellschaft erneut die amtliche Vorgabe einhalten, würden sich in zehn Jahren weniger als 16.000 Menschen das Leben nehmen.

Um die neuen Ziele zu erreichen, hat Japans Regierung einen langen Maßnahmenkatalog verabschiedet. Ganz besonders betont wird der Plan, die Arbeit auf die Schulen und die jungen Erwachsenen zu konzentrieren, bei denen Selbstmorde noch immer die häufigste Todesursache sind.

Auch die Überstunden-Unkultur will die Regierung attackieren. Denn seit 2016 haben mehrere Fälle von Karoshi, dem Tod durch Überarbeitung, immer wieder die Schlagzeilen bestimmt. Erst vorige Woche hatten die Eltern eines Arbeiters auf einer Baustelle für die Sommerolympiade 2020 in Tokio geklagt, dass ihr Sohn kürzlich wegen Überarbeitung Selbstmord begangen habe. Er hatte pro Monat mehr als 200 Überstunden geschoben.

Außerdem will die Regierung unter vielen Maßnahmen das Bewusstsein der Öffentlichkeit für Opfer von Gewalt und Mobbing, Diskriminierung von sexuellen Minderheiten wie Lesben und Schwulen schärfen. Darüber hinaus will die Regierung die Hilfsmaßnahmen auf regionaler Ebene sowie die bisher wenig entwickelten psychologischen und psychiatrischen Dienste verstärken. Denn da hat Japan noch erhebliches Potenzial.

So gab es 2011 im Land des Lächelns ein Drittel weniger Psychiater pro 100.000 Einwohner als in Deutschland und kaum Psychologen, besagt eine Statistik der Weltgesundheitsorganisation. Denn psychiatrische Behandlungssitzungen werden nur kurz, psychologische Beratung bisher gar nicht von den Krankenkassen finanziert.

Schon mit den bisherigen Erfolgen hat die Regierung den Mythos einer besonderen Liebe der Japaner zum Suizid widerlegt. Kaum ein Artikel während der Selbstmordwelle in den 1990er-Jahren verzichtete darauf, einen mehr oder weniger populären Selbstmordratgeber zu erwähnen, den es im Buchladen oder Internet zu kaufen gab.

Auch der Verweis auf „Harakiri“, die Selbstentleibung von Samurai-Kriegern durch rituelles Bauchaufschneiden, durfte nicht fehlen. Doch Japan zeigt, dass weniger Kultur als vielmehr das Gefühl der Ausweglosigkeit und die Kultur des stillen Leidens, also kurz: fehlende Beratung, für die hohe Selbstmordrate der Vergangenheit verantwortlich war.

Martin Kölling, Handelsblatt-Redakteur und Korrespondent in Tokio. Quelle: privat
Martin Kölling
Handelsblatt / Asien-Korrespondent

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