Regisseur Ang Lee sprach mit dem Weekend Journal über „Hulk“, Angst und seine liebste Farbe.
Alles so schön grün hier

Manchmal kommt es anders, als man denkt. Eigentlich hatte Ang Lee nach seiner vielfach preisgekrönten Kung-Fu-Oper „Tiger und Drache“ einen kleinen Film machen wollen. „Vielleicht ein kleines Musical in New York“, hatte ein von den Filmarbeiten in China völlig erschöpfter Lee vor zwei Jahren bekannt. Nun ist es größer. Sehr viel größer. Und grüner: Mit „Hulk“ hat der gebürtige Taiwanese, der mit 23 in die USA auswanderte, einen 135-Millionen-Blockbuster inszeniert.

„Hulk“ ist die aufwendige Verfilmung des US-Heldencomics, dessen Hauptfigur, ein stiller Wissenschaftler, sich in ein zerstörungswütiges, grünes Fünf-Meter-Monster verwandelt. „Hulk“ ist in keinerlei Hinsicht ein kleiner Film. Zuvor hatte man Ang Lee, der für Filme wie „Der Eissturm“ oder „Sinn und Sinnlichkeit“ die Kritiker immer wieder zu Begeisterungsstürmen hinriss, die Regie zum dritten „Terminator“-Teil angeboten. Doch Lee hatte bereits Grün geschnuppert: „Dieses düstere Grün des Hulk hat mich einfach ungeheuer angezogen.“

Schon in „Tiger und Drache“ hatte die Farbe Grün in Gestalt des geheimnisvollen Jadeschwerts eine besondere Rolle gespielt. „Und als ich nun diesen grünen Typen sah, wusste ich: Hier habe ich meine neue grüne Bestimmung gefunden“, sagt Ang Lee und lacht. Für ihn geht ein Traum in Erfüllung: „Wenn ich das Geld hätte“, hatte er noch auf der Premiere von „Tiger und Drache“ bekannt, „würde ich große Actionfilme machen, mit magischen Effekten. Wahrscheinlich nichts Digitales.“

Freilich stammt sein Monster nun doch aus dem Computer der berühmten Digitalschmiede Industrial Light & Magic. Aber es war immerhin Lee selbst, der für die wutverzerrten Gesichtszüge und die aggressive Gestik Pate stand. „Ich war geradezu versessen darauf, meine eigenen Aggressionen auszuleben“, scherzt der 48-Jährige.

Tatsächlich war es dem Regisseur, der auch über eine Bühnenausbildung als Schauspieler verfügt, eher ein filmisches als ein persönliches Bedürfnis: „Wir hatten lauter Animatoren, die mit Spiegeln oder Camcordern arbeiten, um ihre eigenen Gesichtszüge als mimische Orientierung zu benutzen. Nun, das reicht vielleicht für einen animierten Fisch oder Dinosaurier, aber eine Figur, zu der noch ein menschliches Ebenbild existiert, braucht mehr.“

Eigentlich hätte es nahe gelegen, Schauspieler Eric Bana, das menschliche Alter Ego des Hulk, diesen Job anzuvertrauen. „Aber die Schauspieler waren während der digitalen Nachbearbeitung bereits mit ihren nächsten Filmen beschäftigt. Und die Stuntmen können tolle Sprünge machen, aber sie können nicht spielen. Ich war also der Einzige, dem zuzumuten war, Tag für Tag stundenlang mit dieser Arbeit zuzubringen“, erklärt Lee.

Wie die Kollegen Superman, Spider-Man oder die X-Men stammt auch der Hulk aus jener ängstegeschüttelten Ära des Kalten Krieges und der Angst vor der Atombombe, als die Comic-Superhelden ihren Zenit erlebten. 1962 wurde er von den berühmten Marvel-Zeichnern Jack Kirby und Stan Lee erfunden. Er ist der tragischste der Comic-Helden – einer, dessen unergründliche Stille und Verschlossenheit trotz seiner freundlichen Sanftmut sogar die Beziehung zu seiner Kollegin Betty Ross (Jennifer Conelly) zum Scheitern brachte. Doch wenn man ihn nur genügend reizt, brechen sich unterdrückte Kindheitstraumata auf furchtbare Weise Bahn.

Für Lee hat die Figur „etwas Archaisches. Es ist das Alter Ego, das wir unter Verschluss halten – eine monströse Kraft, die uns am Leben hält, derer wir uns aber schämen. Und es geht um die Angst, dass die Natur, die wir uns mit der Wissenschaft untertan gemacht zu haben meinen, eines Tages zurückschlägt. Lee, seit 25 Jahren mit der Molekularbiologin Jane Lin zusammen, weiß, wovon er spricht. „Manchmal hätte ich selbst nicht schlecht Lust, ein Labor zu zerstören!“

Derzeit ist sein Tatendrang aber erst einmal erschöpft. „Es war ein ungeheurer psychischer Druck. Ich habe noch nie zuvor einen Blockbuster-Start mitgemacht – allein überall diese Plakate: Bald in einem Kino in Ihrer Nähe! Jeder geht diesen Film gucken. Ich bin ziemlich gestresst.“

Vor allem die unterschiedlichen Reaktionen auf seinen Film, die von heller Begeisterung über einen Actionfilm mit Anspruch bis zu Verärgerung über eine langweile Comic- Verfilmung reichen, setzen ihm zu: „Ich muss eine ganze Menge verdauen. Normalerweise begegneten mir die Leute, wenn sie aus meinen Filmen kamen, mit einem Lächeln. Das hier bin ich überhaupt nicht gewohnt.“ Da erstaunt es nicht im mindesten, was Lee als Nächstes machen will: „Einen kleinen, ruhigen Film.“ Aber das hatten wir ja schon mal ...

Quelle: Handelsblatt

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