Report aus Florida

Der Sturm in Orlando

Hurrikan „Irma“ hat in der Karibik massive Schäden angerichtet, auch auf dem US-Festland sorgt der Wirbelsturm für Chaos. Eine Reportage aus Orlando, wo sich aus Tampa und Miami Geflüchtete neuen Herausforderungen stellen.
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Menschenleere, Totenstille und ein Jägermeisterschild

Menschenleere, Totenstille und ein Jägermeisterschild

Orlando/FloridaErst kommt der Regen, dann der Wind. Geregnet hat es schon den ganzen Sonntag in der Region Orlando, obwohl die relativ weit im Norden Floridas liegt. Während der Hurrikan „Irma“ den Süden der Halbinsel überfällt, dort ein erstes Todesopfer fordert und in Miami eine Frau, abgeschnitten durch das Unwetter, ganz allein ein Kind zur Welt bringt, mache ich eine kleine Erkundungstour.

Disneyland, ganz in der Nähe von meinem Hotel, liegt völlig verlassen da. Kein Mensch, kein Auto, eine Leuchttafel nennt das Wetter als Grund für die Schließung. Ähnlich im Stadtzentrum von Orlando: Verlassene Straßen, hin und wieder ein Auto, der Regen klatscht vom Himmel und von den Dächern. Starbucks entschuldigt sich mit einem Schild für die Schließung. Dunkin’ Donuts hat die Tür mit einem großen Sack verrammelt. Die Bar „The Basement“ hat den Eingang verbrettert, immerhin ist noch die Werbung für Jägermeister zu erkennen.

Vier Meter hohe Wellen und Stromausfälle – Irma wütet in den USA

Vier Meter hohe Wellen und Stromausfälle – Irma wütet in den USA

Leben gibt es allein im „Grand Bohemian Hotel“. Sogar sehr viel davon – so viel, dass Bedienungen und Küche nicht nachkommen. „Die Leute kommen aus allen möglichen Gegenden“, sagt die junge Frau, die endlich meine Salatbestellung aufnimmt, nachdem ich schon eine Weile mit klatschnassen Schuhen und durchweichter Regenjacke gewartet habe. „Wir sind ausgebucht“, sagt sie. „Manche Leute stammen sogar aus Orlando, die sind hier, weil ihrer Häuser nicht so stabil sind.“

Die Stimmung in der „Bösendorfer-Lounge“, in deren Mitte ein großer Konzertflügel steht, ist aber entspannt. Es wird geplaudert und gelacht. Am Nebentisch sitzt eine Großfamilie – achtköpfig, wenn man den Hund mitzählt, der einen eigenen Stuhl beansprucht.

Mich hält es nicht lange in Orlando. Gegen Abend nimmt der Wind zu. Zugleich verfolge ich die Nachrichten. Donald Trump hat den Notstand für Florida ausgerufen, das bedeutet, dass die ersten Notmaßnahmen zu 100 Prozent vom Staat übernommen werden. Der Sturm verliert etwas an Schwung, aber die Bilder aus Miami und Naples bleiben bedrohlich, und in der großen Bucht von Tampa geht es auch schon rund. Drei Millionen Amerikaner in Florida sind mittlerweile ohne Strom.

Abends regnet es etwas weniger, dafür nimmt der Wind zu. Als ich um 18 Uhr etwas essen gehe, finde ich eine Schlange vor, die ziemlich lang ist und sich kaum bewegt. Das kleine Fast-Food-Restaurant des Hotels ist nicht dafür ausgelegt, dass alle Gäste dort essen. Aber bei dem Wetter geht niemand hinaus. Außerdem: Draußen ist ohnehin alles zu.

Die Leute sind geduldig. Vorne in der Schlange höre ich ein paar deutsche Worte. Vor mir steht eine Familie aus Südengland an, die in diesem Hotel Urlaub macht und jetzt in der Falle sitzt: kein Disney, nur Regen. Gabriel, der junge Mann nach mir in der Schlange, ist am Freitag aus Miami geflohen und hat sich im Hotel mit seinem Freund Luis aus Tampa getroffen. „Ich dachte, Tampa ist nicht betroffen, aber als ich am Freitag aufgewacht bin, war auf einmal alles ganz anders“, sagt Luis. Gabriel, der aus der Dominikanischen Republik stammt und in Florida seinen MBA macht, zeigt das Video eines Freundes, der in Miami geblieben ist und sich dort im Sturm gefilmt hat. „Andere meiner Bekannten sind bis nach Georgia geflohen“, sagt er. Aber möglicherweise reicht der Sturm bis dorthin.

So geht die Zeit vorbei mit Gesprächen. Terry, ein Engländer, der eigentlich auf den „Keys“, den Inseln vor Florida, Urlaub machen wollte, erzählt von seiner Zeit in Deutschland, eines seiner Kinder ist in Mönchengladbach geboren.

Die Schlange bewegt sich immer langsamer. Nur zwei Leute bedienen und bereiten gleichzeitig das Essen zu. Einige der Wartenden fangen an, auch Chipstüten und Schokolade aufzugreifen – man weiß ja nie, wie lange das Essen reicht. Der ganze Vorgang wird immer wieder unterbrochen, weil ein paarmal kurzzeitig der Strom ausfällt und die Kasse wieder neu gestartet werden muss.

„Irmas“ Kraft lässt nach
Everglades City
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Für die Flucht vor Hurrikan „Irma“ hat der Elektroauto-Hersteller Tesla einigen Fahrern in den USA zusätzliche Reichweite per Software-Update freigeschaltet. Wer Florida oder andere Evakuierungszonen verlassen musste, bekam je nach Modell bis zu 40 Meilen (etwa 65 Kilometer) Reichweite extra auf der Batterie, wie US-Medien berichteten. Betroffen seien die Modelle S und X, bei denen 75-kWh-Batterien per Software auf 60 kWh begrenzt seien. Ein solches Auto besitzt natürlich nicht jeder.

Straßenbegehung
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Ein Mann und eine Frau machen einen Spaziergang durch ungewöhnliche Szenerie. Das Hochwasser in Jacksonville brach den Rekordwert von 1964 deutlich. Der Wetterdienst forderte die Menschen auf, höheres Gelände aufzusuchen. Außerhalb von Orlando wurden die ersten Häuser geräumt, weil das Hochwasser stieg.

Der Morgen danach
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Auf Marco Island sieht sich Anwohner Rick Freedman die Schäden der Nacht an.

Trost für Tampa
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Es hätte noch viel schlimmer kommen können für die Stadt an Floridas Westküste. „Statt des erwarteten Schlags in Gesicht war es ein Streifhieb“, sagte Bürgermeister Bob Buckhorn dem Sender MSNBC.

Gummistiefel-Wetter
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Eine Frau watet durch die Fluten, die ihr Auto davongetragen hat. „Irma“ schwächte sich am Montag über Florida zu einem Tropensturm ab und zog Richtung Georgia weiter. Am Dienstag dürfte dieser zu einem Tiefdruckgebiet werden.

Versorgungsengpässe
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Nach Angaben der geschäftsführenden Heimatschutzministerin Elaine Duke waren am Montag allein in Florida über fünf Millionen Haushalte und Unternehmen ohne Elektrizität. Rund 200.000 Menschen seien noch in Notunterkünften, sagte Duke dem TV-Sender CNN.

Wind und Wasser
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Ein zerfetztes Straßen-Plakat weht über der menschenleere Interstate 95 Northbound. Wie groß die Schäden durch den Hurrikan sind, ist noch völlig unklar. Teile von Miami standen unter Wasser.

Nach drei Stunden Anstehen gibt es weder Salat noch Pizza, nur Hamburger und Sandwiches. Weil die Kasse ausfällt, kann man nichts mehr kaufen. Dafür verteilen die Jungs an der Theke gratis das restliche Essen.

So ziehe ich mit einem Hamburger ab. Das Wetter ist schlechter geworden, gespenstisch flattern die Palmen in der Dunkelheit, immer wieder geschüttelt von Windböen. Nach und nach geht das Licht auf den Gängen aus, auf meinem Zimmer streikt das WLAN. Während draußen der Sturm richtig losheult, lasse ich, wie vom Hotel vorgeschlagen, die Badewanne volllaufen – falls die Wasserversorgung ausfällt.

Dann heißt es nur noch, das Schlimmste abwarten. Und hoffentlich gibt es morgen noch was zu essen im Hotel – vielleicht ist der Sturm dann auch schon vorbei.

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4 Kommentare zu "Report aus Florida: Der Sturm in Orlando"

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  • Morgrn ist dann der Sturm weg.

  • Die Netiquette ist heute stark.

    Alle meine gefassten Beiträge weg?

    Ich habe sie kopiert und werde sie den Redakteueren und den Politikern unter die Nase halten, falls dies erforderlich werden wird.

  • Offenbar interessieren sich die AfD-Bots, die hier alles mit ihrem Merkel-muss-weg-Kram überschwemmen, überhaupt nicht für die jeweiligen Artikel. Florida geht unter, wegen des Klimawandels - und die AfD-Anhänger versuchen, hier Falschmeldungen über syrische Terroristen zu lancieren. Schlimm!

  • Man ist sich in Deutschland immer um anderes besorgter als im eigenen Land.

    Dabei gäbe es laut POLITIKVERSAGEN sehr, sehr viel zu tun.

    Es ist auch trivial, wenn in der Fehlentwicklung bei der Sicherheit sich die Bundespolitiker fein in Berlin raushalten und vor Ort in der Fläche täglich unmögliche Dinge passieren, die wir vor einigen Jahren nicht hatten. Jährlich im 3 -stelligem Prozentbereich wachsen die Übergriffen, Sexualdelikten, Vergewaltigungen, Körperverletzungen u.a.



    Von Anschlägen und zukünftigem Terror will ich noch nicht einmal reden, dass sprengt sowieso den nicht vorstellbaren Rahmen, der hoffentlich nicht kommen wird. Allerdings wird die Illusion der Hoffnung schneller verpuffen als einem lieb sein dürfte.

    Wenn hier jemand im Land darauf hinweist, was ganz offensichtlich unter der Decke gehalten werden soll, spricht das nicht für unsere bekannten Journalisten.

    Dass die Politik diese fatalen Entwicklungen nach Möglichkeit nicht breit treten möchte, versteht sich von selbst und kann man nachvollziehen.

    Ausserdem würde sie sich auf das Feld der Populisten, Rechter oder Nazis begeben.

    Das will man natürlich auch vermeiden.

    Der Sturm zieht schon vorüber und die Baustellen -allen voran die Sicherheit der Menschen- bleiben im Land.



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