Reportage
Stille am heiligen Berg

Seit ein Felsbrocken auf die Gotthard-Autobahn stürzte, war die wichtige Nord-Süd-Strecke geschlossen. In den Tälern entlang der Route entwickelte sich ein ganz neues Leben – das die Schweizer jetzt als Zukunftsmodell diskutieren.

GURTNELLEN. Ganz oben, dort, wo in mehr als 2 000 Meter Höhe die schmale Passstraße den Gotthard überquert, ist genug Raum für philosophische Betrachtungen. Jean Odermatt, Künstler, Designprofessor in Lugano und Betreiber eines unterirdischen Hotels an der alten Passstraße, steht in seinem schwarzen Anzug hier oben im kühlen Wind und sagt: „Der Gotthard ist ein Symbol für die moderne Schweiz.“ Und dann quellen ihm die Gedanken über: Er spricht vom „San Gottardo“, dem heiligen Gotthard, wie der Berg bei den Tessinern heißt, von „bezwungener Natur“ und von der „topographischen Wespentaille Europas“.

Um zu ahnen, was Odermatt meint, genügt eine Fahrt, 25 Kilometer bergab nach Gurtnellen. Das 640- Einwohner-Dörfchen im Kanton Uri ist Schauplatz eines Dramas: Vor mehr als drei Wochen hat sich hier oberhalb der Autobahn, die Deutschlands Südwesten mit Italiens Norden verbindet, ein Fels gelöst. Er zerquetschte ein Auto, tötete ein deutsches Ehepaar. Seither ist die Autobahn und auch die parallel verlaufende Landstraße gesperrt. Ende vergangener Woche bannte eine Sprengung die Gefahr, dass weitere Felsen ins Tal stürzen. Mit 1,5 Tonnen Dynamit sprengten die Schweizer das Reusstal, das sich bis hinauf zum Gotthard schlängelt, zurück in die Gegenwart. Als sich der Pulverdampf verzogen und ein Geologenteam den Berg wie ein Doktor seine Patienten abgeklopft hatte, lautete die Diagnose am Montag: Aktion erfolgreich durchgeführt! Von Freitagmittag an soll der Verkehr auf der Autobahn wieder fließen, als wäre nichts geschehen.

Doch die Sperrung wird ihre Spuren hinterlassen – in Europa, das an seine verkehrstechnische Archillesferse erinnert worden ist. Und in der Schweiz, die eigentlich alles andere sein will, als ein Land für durchreisende Auto- und Lastwagenchauffeure.

Die haben sich einen Monat lang einen anderen Weg suchen müssen. Autofahrer haben dabei noch die Wahl: Entweder sie fahren über den San Bernardino und sitzen im Stau, oder sie kurven über noch kleinere Passstraßen. In beiden Fällen dauert der Umweg mindestens zwei Stunden. Noch ärger trifft es die Lastwagenfahrer. Der deutsche Speditions- und Logistikverband verlangt bereits eine Aufhebung des Nachtfahrverbots, um den Dauerstau der LKWs bei der Alpenquerung abzubauen. „Jede Stunde, die unsere Fahrer im Stau stehen, kostet 50 bis 60 Euro“, klagt die Verbandssprecherin und berichtet von Nachverhandlungen mit Kunden, die jetzt mehr bezahlen sollen.

Odermatts Bild von der Wespentaille wird derweilen unterhalb von Gurtnellen besonders ideenreich umgesetzt: Die Polizei riegelt hier die Straßen unter der Gefahrenstelle ab. Nur Autos mit Sondergenehmigung dürfen passieren und Busreisegruppen, die eine Hotelbuchung oben am Gotthard vorweisen können.

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