Riesending-Schachthöhle

Höhlenforscher ist gerettet

Die Retter mussten noch eine schwierige Stelle meistern: Die letzten Meter zogen sie den verletzten Höhlenforscher mit Muskelkraft nach oben. Um 11.44 Uhr kam die erlösende Nachricht: Johann Westhauser ist im Freien.
Update: 19.06.2014 - 19:30 Uhr 2 Kommentare

Retter bergen Höhlenforscher aus 1000 Meter Tiefe

BerchtesgardenStrahlend liegen sie sich in den Armen. Die Retter haben den Helm noch auf, den Klettergurt um, die Kleidung ist nach Tagen in der Höhle schlammverschmiert. Manchen stehen Tränen in den Augen, mache weinen: Johann Westhauser ist gerettet. Tagelang haben die Helfer rund um die Uhr bis zur Erschöpfung gekämpft, um den schwer verletzten Höhlenforscher aus 1000 Metern Tiefe zu bergen. Er ist einer der ihren, der Kreis der extremen Höhlenforscher und -retter ist europaweit klein. Zuversicht, Teamgeist und mentale Stärke haben sie alle getragen. Westhauser eingeschlossen.

„Man weiß, es wird gut gehen. Man braucht eine positive Grundstimmung“, sagt die Höhlenretterin Sabine Zimmerebner. Sechs Tage war sie in der Höhle, hat Westhauser, den sie kennt, fast den ganzen Transport über betreut. Ihm die Hand gehalten, Grüße ausgerichtet. Ihn rein physisch gewärmt, denn dort unten ist es kalt. Im echten Leben leitet sie einen Kindergarten in Salzburg.

Auch Bergretter Stephan Bauhofer war bei an Westhauser, begleitete ihn auch psychologisch, damit der Schwerverletzte nicht überfordert wurde. „Da musste man mit Tricks arbeiten, dass der Patient mitspielt.“ Etwa müsse man ja nicht bei der ersten Engstelle sagen, dass 99 weitere folgen. Allerdings sei es schwer gewesen, ihm etwas vorzumachen, denn er kennt in der Höhle jeden Winkel.

„Der Patient ist an der Oberfläche“
huGO-BildID: 37626471 Mountain rescuers carry cave researcher Johann Westhauser , center, out of the Riesending cave near Marktschellenberg, southern
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Der schwer verletzte Höhlenforscher Johann Westhauser ist aus der Tiefe gerettet. Helfer trugen ihn heute um 11.44 Uhr aus der Riesending-Schachthöhle bei Berchtesgaden.

huGO-BildID: 37624300 Rescuers work at the Untersberg mountain near Marktschellenberg, Germany, Wednesday June 18, 2014. Germany's mountain r
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Bei der dramatischen Rettungsaktion in der Riesending-Schachthöhle bei Berchtesgaden zog sich die letzte Etappe länger hin als erhofft. Die Einsatzleitung hatte zunächst gehofft, dass Westhauser schon im Laufe der Nacht den Ausgang der Höhle am Untersberg erreichen könnte.

huGO-BildID: 37624299 This screenshot from a video provided by the Bavarian Mountain Rescue Service on Tuesday June 17, 2014 shows rescuers trans
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Die letzte Passage besteht aus mehreren senkrecht aufragenden Schächten, durch die der Verletzte nach oben gezogen werden muss. Der längste von ihnen ist laut Bergwacht 180 Meter hoch.

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Das Schaubild zeigt, wie verwinkelt die Riesendinghöhle bei Berchtesgaden ist. Das kleine „x“ bei der „Langen Geraden“ zeigt an, wo der Höhlenforscher Johann Westhauser verunglückte. Über fünf Biwaks, die auf dem Weg nach oben liegen, wollten die Rettungskräfte den 52-jährigen etappenweise bergen. Zwei Ärzte haben Westhauser mit Medikamenten behandelt, um ihn transportfähig zu machen.

Johann Westhauser
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Johann Westhauser, hier eine Aufnahme aus dem Jahre 2009, erforscht seit Jahren die tiefsten und längsten Höhlen in Deutschland. Am frühen Sonntagmorgen wurde ihm in 950 Metern Tiefe ein Steinschlag zum Verhängnis. Der Forscher habe bei dem Unfall einen Helm getragen, aber allein durch den Aufschlag des Gesteins sei das Trauma verursacht worden. Die Diagnose sei ähnlich wie bei Michael Schumacher, nur in einer deutlich schwächeren Ausprägung, erklärte der höhlenerfahrene deutsche Neurochirurg Michael Petermeyer. Zwei Freunde, die zusammen mit Westhauser in die Höhle hinabstiegen, bargen den 52-jährigen. Einer blieb beim Verletzten, der andere stieg im Rekordtempo von zwölf Stunden auf, um Hilfe zu holen.

huGO-BildID: 37483209 A cave and mountain rescue expert from Germany, second left, talks to his colleagues after his descent into the Riesending cave
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Die Rettungskräfte müssen während der Bergung an ihre seelischen und körperlichen Belastungsgrenzen gehen. Allein der Aufstieg mit dem Verletzten wird nach Einschätzung der Retter mehrere Tage dauern. Die Riesending-Schachthöhle ist die größte und tiefste Höhle Deutschlands. Sie besteht aus engen Gängen, über hunderte Meter fast senkrecht abfallenden Kaminen, unterirdischen Wasserläufen und unwegsamen Canyons, die sich über eine Länge von 19 Kilometern erstrecken. Für zusätzlich Schwierigkeiten sorgen eisige Kälte von lediglich ein bis drei Grad sowie die Risiken durch Wassereinbrüche, die bestimmte Abschnitte der Höhle nach Regenfällen fluten können.

huGO-BildID: 37434282 In this picture provided by Bavarian Red Cross Berchtesgaden and taken Sunday June 8, 2014 a rescuer enters a cave near Berch
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Höhlenexperten aus Slowenien, Italien, Kroatien und der Schweiz sind an der Rettung Westhausers beteiligt. Um Steinschläge zu verhindern haben die Rettungskräfte an schwierigen Stellen Metallstifte in die rutschigen Felswände gebohrt. „Es sprengt jegliche Vorstellungskraft, was eine Rettung in dieser Tiefe bedeutet“, sagte Petermeyer. Für den an einem Schädel-Hirn-Trauma leidenden Patienten werde der bevorstehende Transport „nicht ganz unkritisch“ sein. Andreas Wolf,technische Leiter der Bergungsaktion, ergänzte, die Trage werde im ungünstigsten Fall quer oder in Kopfrichtung gekippt werden müssen, um bestimmte Stellen zu passieren.

Ganz am Schluss gab es noch einmal eine Nervenprobe. Stunde um Stunde verzögerte sich am Donnerstag die Rettung. Gerade in der Schlussphase wollten die Retter nichts riskieren - lieber eine Pause mehr. Dann, um 11.44 Uhr, die erlösende Nachricht: Westhauser ist gerettet, gut 274 Stunden nach seinem Unfall in der Riesending-Schachthöhle, tief in den Berchtesgadener Alpen. Endlich Tageslicht. „Der Verunglückte ist an die Oberfläche gebracht worden und wird notfallmedizinisch versorgt“, heißt es in einer ersten SMS der Bergwacht.

Dass die beispiellose Aktion klappt, war keineswegs sicher. Bis in die ersten Tage der Rettung hinein habe es Zweifel gegeben, „ob das gelingen kann“, räumt der Vorsitzende der Bergwacht Bayern, Norbert Heiland, jetzt ein. An den elf Tagen zuvor hat darüber niemand gesprochen. „Ich denke, dass man davon sprechen kann, dass in den vergangenen Tagen hier am Untersberg ein Stück alpine Rettungsgeschichte geschrieben worden ist.“

Bei einem Steinschlag hatte Westhauser am Pfingstsonntag in 1000 Metern Tiefe ein Brocken am Kopf getroffen, der Helm konnte den heftigen Schlag nur dämpfen. Der Forscher erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma - und hätte eigentlich sofort auf einer Intensivstation behandelt werden müssen. Doch bis der Transport aus der Tiefe beginnen konnte, vergingen Tage. Erst am vergangenen Freitag konnten die Helfer ihn auf eine Trage legen und starten. Sechs lange Tage waren sie mit ihm unterwegs.

Westhausers Kopf war beim Transport geschützt, Bilder zeigten ihn mit einem weißen Helm. Zwar bereiteten Dutzende Helfer den langen Weg nach oben bestens vor: Neue Seile wurden gezogen, Metallstifte als Tritte in den glitschigen Fels gebohrt, zusätzliche Haken gesetzt. Sie hielten Gischt aus Wasserfällen mit Planen ab, räumten loses Geröll weg. Aber Steinschlag ist nie ausgeschlossen.

Beispiellose Rettungsaktion
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2 Kommentare zu "Riesending-Schachthöhle: Höhlenforscher ist gerettet"

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  • Der Gerettete wäre sicher reich geworden, wenn er von jedem Geld verlangt hätte, der ihn retten wollte. Es wäre eine gute Geschäftsidee, das als Event zu vermarkten.

  • Mein Dank und Glückwunsch an die mutigen Helfer.

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