Risiko Übermüdung: Führerlos im Flugzeug

Risiko Übermüdung
Führerlos im Flugzeug

Passagieralbtraum: Weil der Pilot einschläft, rauscht das Flugzeug führerlos durch die Luft. Dass der Vorfall jetzt bekannt wird, ist kein Zufall: Zwischen Flugkapitänen und Behörden tobt ein Streit über Arbeitszeiten.

DüsseldorfEin Flugzeug, das führerlos durch die Luft rast – für die Passagiere an Bord ein Albtraum. Exakt einen solchen Fall hat die Pilotenvereinigung Cockpit am Freitag öffentlich gemacht: Als der Kapitän einer Boeing 737-800 auf dem Flug vom ägyptischen Hurghada nach Amsterdam zur Toilette ging, schlief der Co-Pilot ein und öffnete seinem Partner nach der kurzen Pause minutenlang nicht die Tür zur Kanzel. Auch Anrufe übers Bordtelefon weckten ihn zunächst nicht. Selbst konnte der Kapitän das Cockpit aus Sicherheitsgründen nicht öffnen. Der Passagier-Jet mit seinen knapp 200 Sitzplätzen flog mit Autopilot – ein Fehler im System hätte fatale Folgen haben können.

Dass die Lobbyvereinigung diesen krassen Fall vom September 2012 gerade jetzt an die Öffentlichkeit bringt, ist kein Zufall. Denn die europäischen Pilotenverbände protestieren gegen eine Neuregelung der Arbeitszeiten. Die Europäische Flugsicherheitsbehörde (EASA) hat kürzlich einen Vorschlag für eine harmonisierte Regelung in der EU vorgemacht, auf dessen Grundlage die EU-Kommission einen Gesetzesvorschlag machen will. Diesen müssten dann EU-Staaten und Europaparlament billigen.

Stein des Anstoßes: Die EASA schlägt Flugzeiten von bis zu 14 Stunden am Tag und 11 Stunden in der Nacht vor. Die Piloten halten das für gefährlich. Die Regelungen „schützen nicht ausreichend vor gefährlicher Übermüdung“, sagt Jörg Handwerg, Pressesprecher von Cockpit.

Der aktuelle Fall soll als weiteres Beispiel herhalten. Sicher sei ein Nachteinsatz nur bei einer Dauer von höchstens zehn Stunden, erklären die Crew-Vertreter immer wieder – dies sei wissenschaftlicher Konsens. Eine Verlängerung stelle die Kostenargumente der Fluggesellschaften über die Sicherheit der Passagiere. „Die Unternehmen wollen Kosten sparen, die Piloten eine Überlastung verhindern“, erläutert Flugsicherheitsexperte Siegfried Niedek im Gespräch mit Handelsblatt Online den Konflikt.

Für die deutschen Piloten wäre die neue Vorschrift jedoch keine Verschlechterung, schon jetzt gelten dieselben Flugzeiten. „Wir haben die jetzigen Regularien aber immer schon kritisiert“, sagt Handwerg auf Anfrage von Handelsblatt Online. Es gehe nicht um eine generelle Kürzung der Arbeitszeiten, sondern darum, „gefährliche Ermüdungsbelastungen zu verhindern“, betont er. Und in anderen Ländern gelten strengere Vorgaben, die mit der neuen Regelung gelockert würden.

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