Risikonomics
Die Macht der Prozente

Ohne ihre zahlreichen ausgefeilten Tarif- und Prognosemodelle wären die Chefs von Banken und Versicherungsgesellschaften verloren: Wie Mathematiker die Wahrscheinlichkeit von Extremereignissen kalkulieren und die Katastrophen dieser Welt mit nüchternen Zahlenspielen in den Griff bekommen.

MÜNCHEN. Aus dem Nebel schwebt ein Ballon. Darin sitzt Bankchef Josef Ackermann mit einem Kollegen. Sie haben sich verirrt und rufen zu einem Mann unten auf der Wiese: "Können Sie uns sagen, wo wir sind?" Der Mann unten denkt lange nach. Dann antwortet er: "Sie befinden sich in der Gondel eines Heißluftballons!" Darauf Ackermann zu seinem Kollegen: "Das ist ganz sicher ein Mathematiker." Der Kollege: "Wieso?" Ackermann: "Erstens hat es unglaublich lange gedauert. Zweitens war es unheimlich präzise. Und drittens können wir damit gar nichts anfangen."

Pierre Joos kennt diesen Witz. Und andere Vorurteile gegen seinen Berufsstand. Schon der große Dichter Johann Wolfgang von Goethe merkte vor mehr als zweihundert Jahren an: "Die Mathematiker sind eine Art Franzosen: Redet man zu ihnen, so übersetzen sie es in ihre Sprache, und dann ist es alsobald ganz etwas anderes."

Joos arbeitet nicht in einer Bank, sondern er ist Leiter des Risikomanagements bei der Allianz-Versicherung. In seiner Branche sind Mathematiker schon lange zu Hause. Doch selbst dort spottet ein Vorstand über seine eigenen Leute gern: "Der Mathematiker steuert ein Auto, indem er in den Rückspiegel blickt."

Dabei wissen die Bosse - selbst wenn sie keine Mathematiker, sondern Ökonomen oder Juristen sind - ganz genau: Ohne die Zahlenkünstler und ihre zahlreichen ausgefeilten Tarif- und Prognosemodelle wären sie hilflos. Ihre Versicherung würde nur Verluste produzieren und schließlich pleitegehen. Das wäre die Höchststrafe, ein Risiko, das sie unter allen Umständen vermeiden müssen.

Damit das nicht passiert, haben alle Versicherer sehr viele Leute wie Pierre Joos. Beim Marktführer Allianz arbeiten in Deutschland allein 800 seiner Sorte. Rund 3 000 Mathematiker in Versicherungen dürfen sich sogar "Aktuar" nennen, wenn sie nach dem Studium eine Zusatzausbildung, die sie im Detail mit dem Versicherungsgeschäft vertraut macht, absolviert haben.

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