Ronald Schill bei „Big Brother“
Die TV-Blamage des „Richter Gnadenlos“

Ex-Politiker Ronald Schill blamiert sich in der Realityshow „Big Brother“. Doch wer sich an den Senator Schill erinnert, kann über den Populisten nicht lachen. Unser Autor erlebte Schill zu dessen großer Zeit in Hamburg.
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DüsseldorfDas Gute an Fieberträumen: Sie werden nicht wahr – normalerweise. Doch was sich derzeit bei Sat1 abspielt, ist ein Wirklichkeit gewordener 41-Grad-Wahn aus dem Jahr 2001. Jedenfalls für alle, die damals in Hamburg dabei waren, als Ronald Schill die Stadt in einen kollektiven Taumel versetzte.

Kurz nach der Jahrtausendwende polarisierten zwei Themen uns Studenten an der Uni Hamburg: der erste Big-Brother-Container mit Zlatko und Jürgen sowie der politische Erfolg des Ronald Barnabas Schill. Über die Fernsehsendung ereiferten wir uns ironisch, „Richter Gnadenlos“ – wie ihn „Bild“ getauft hatte – war für uns ein ernstes Thema. Wie für die ganze Stadt. Dass beide Themen 13 Jahre später mit dem Einzug von Schill in den Sat1-Container zusammengehen würden – unglaublich.

Bekannt geworden war Schill im Jahr 2000 über die Hamburger Boulevardzeitungen „Bild“ und „Morgenpost“. Er informierte gezielt die Medien, wenn er seine grotesk harten Urteile gegen Kleinkriminelle fällte. Dass die Folgeinstanzen die Sprüche fast immer einkassierten, fiel nicht ins Gewicht. Schill suchte eine Bühne und fand sie. Für die Senatswahl 2001 gründete er seine eigene Partei. Der Boulevard blieb an seiner Seite: In „Bild“ winkte er schon mal aus dem Fenster eines Umzugslasters, als er eine standesgemäße Wohnung gefunden hatte.

Dass Schill so gut ankam, hing auch zusammen mit der eigentümlichen Hamburger Politik. Über Jahrzehnte hatte die SPD regiert. Die Politiker um Bürgermeister Ortwin Runde wirkten verbraucht. Schon der Erfolg der kurzlebigen, eher bürgerlichen Statt-Partei einige Jahre zuvor hatte gezeigt, dass es ein hohes Potenzial an Unzufriedenen gab, die sich nirgends politisch heimisch fühlten.

Schill konnte die Lücke nutzen, denn es gab ein offensichtliches Problem: Die offene Drogenszene traf sich auf zentralen Plätzen, am Hauptbahnhof, im aufstrebenden Schanzenviertel. Auch wir Studenten mieden die Rückseite des Bahnhofs – nicht, weil wir uns nicht sicher gefühlt hätten. An die Tatsache, dass in unserer Stadt Menschen auf der Straße ganz offensichtlich kurz vorm Verrecken waren, wollten wir ungern erinnert werden.

Akzeptierende Drogenarbeit ist keine einfache Sache. Der Ansatz akzeptiert, dass Menschen Drogen konsumieren. Nur so, sagen seine Anhänger, lassen sich die Abhängigen für wirksame Hilfe erreichen. Das heißt aber auch: Diese Politik, die Leben rettet, akzeptiert Drogenkonsum, sie toleriert offene Junkie-Szenen. Das regt aus zwei Sichtweisen auf: Der Staat toleriert Dinge, die verboten sind. Und er erweckt den Eindruck, dass er sehenden Auges Menschen auf der Straße verelenden lässt.

Kommentare zu " Ronald Schill bei „Big Brother“: Die TV-Blamage des „Richter Gnadenlos“ "

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  • "Schließlich soll der heute 55-Jährige die letzten Jahre allein von einer kargen Pension gelebt haben"
    Diese karge Pension erreichen Millionen Arbeitnehmer nicht, wohl gemerkt nach 46 Jahren nicht.
    Anscheinend polarisiert der Mann noch immer, wie ich finde zu unrecht. Hamburg war damals unter Rot/Grün in einem schlimmen Zustand. In einem verwahrlosen Zustand. Und nach der Affäre mit Beust und Kusch, da schweigt die Hamburger Journale immer noch. Gut, der Beust hat sich von der Hamburger Journale als Unangreifbar hinstellen lassen. Weil er homosexuell war. Auch seine homosexuellen Affäre mit einem 15 jährigen Schüler(beim Nachrechnen können gerne auch die Finger benutzt werden) während seiner Zeit als Bürgermeister wurden nie gebührend thematisiert. Auch wenn der Schüler mittlerweile seine Frau/Mann geworden ist, entbehrt es es nicht einer gewissen Komik das Beust der Strahlemann nund Schill der absolute Schuft ist.
    Um es vorweg zu nehmen. Nein ich bin kein Schill Fan, aber er hat mit seiner Wahl, weil die Hamburger die Zustände satt hatten, einen Schritt in die richtige Richtung gemacht. Auch wenn er dabei, mit Hilfe der Journalie, arg in`s stolpern geraten ist.

  • Dass der Autor auch 68er und Linke als Schill - Sympathisanten identifiziert, ist so was von lächerlich, dass man sich den Bauch halten müsste vor Lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Junge Autoren scheinen sich in einem gefährlichen Stadium der politischen Desorientierung zu befinden.

  • Wenn ich diesen Bericht auf mich einwirken lasse dann sehe ich nun doch wirklich nicht mehr wieso dieser SCHILL noch irgend jemand bedrohen könnte.
    Der Mann ist unten durch und wird nichts mehr erreichen können in der Politik, dafür hat er selbst einfach zu gut gesorgt.

    Damit stellt sich aber gleichzeitig die Frage wieso man ihm jetzt noch "würdigen" sollte mit so einem Bericht, mir fällt es nicht wirklich ein und dann bleibt da nur noch Rache als Motiv übrig und ob das Handelsblatt dafür die geeignete Stelle ist glaube ich eher nicht.

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