Rosenmontag in Düsseldorf: „Beim Karneval gibt es Grenzen“

Rosenmontag in Düsseldorf
„Beim Karneval gibt es Grenzen“

Jacques Tilly bewegt sich auf dünnem Eis. Er ist Chefwagenbauer des Düsseldorfer Straßenkarnevals und muss jedes Jahr entscheiden, wer bei dem Umzug genarrt wird. Ein Gespräch über Islamkritik, Ängste und Narrenfreiheit.
  • 0

In Köln hat sich das so stolze Festkomitee Kölner Karneval jüngst selbst einen Maulkorb auferlegt. Der Umzug verzichtet freiwillig darauf, islamkritische Motive zu zeigen. Ein Persiflage-Umzugswagen zu „Charlie Hebdo“ war zuvor im Gespräch. Die Gefahr von Anschlägen und Bombendrohungen sei jedoch zu groß, hieß es in der Begründung.

Dass ein Düsseldorfer beim Karneval nicht mit den Kölner Kollegen übereinstimmt, überrascht kaum. Aber auch ohne Narrenkappe widerspricht Jacques Tilly entschieden. Für den Chefwagenbauer des Düsseldorfer Straßenkarnevals steht fest: „Der Karneval in Düsseldorf ist sicher“ – auch mit religionskritischen Wagen.

Herr Tilly, haben Sie gar keine Angst?
Nein, das habe ich schon vor einigen Jahren entschieden. Das führt zu nichts. Ich mache ganz einfach meine Arbeit und stehe hinter dem, was ich mache.

Nun Ihre Kollegen in Köln sehen das anders und verzichten freiwillig auf ironische Motive zum Islam. Sie fürchten Anschlagsdrohungen, gar Attentate auf den Kölner Straßenkarneval. Wird man da als Chefwagenbauer in Düsseldorf nicht hellhörig?
Nun das in Köln, das war eher die Angst vor der Angst. Das hat schon genügt. Wir sagen ja nicht was wir bauen, insofern kann sich auch niemand vorher darüber aufregen. Am Ende fahren dann die Wagen einfach los. Aber klar: Sicherheitsbedenken sind schon wichtig. Ich habe schon Verständnis für die Kölner. Denn es ist eine Massenveranstaltung und da muss man alle Entscheidungen mit Augenmaß fällen.

Haben ihre Kölner Kollegen also richtig gehandelt?
Also, ich bin schon ein bisschen enttäuscht. Aber ich will den Kölnern nicht reinreden. Die haben ihre eigene Art Karneval zu feiern und können auf Vorschläge aus Düsseldorf sicherlich gut verzichten.

Wie hoch schätzen Sie das Risiko denn selbst ein?
Bei Massenveranstaltungen gibt es immer ein Risiko. Aber wir haben schon immer religionskritische Wagen fahren lassen. Zwar nicht jedes Jahr, aber immer wieder. Da besteht für jeden, der irgendwie Satire macht, ein abstraktes Risiko und das besteht auch dieses Jahr. Es ist aber nicht höher als sonst. Denn es gibt nicht die geringsten Hinweise auf Attentate. Panikmache ist also Unsinn.

Nur um das noch einmal unmissverständlich klarzustellen: Ich muss als Karnevalsbesucher also nicht um meine Sicherheit fürchten?
Nein, das Risiko ist größer, einen Augenschaden davon zu tragen, von einer Kamelle getroffen zu werden. Es gibt keine Warnungen, keine Hinweise, es gibt gar nichts. Der Karneval in Düsseldorf ist sicher. Nach dem jetzigen Stand der Dinge wird der Rosenmontagszug sehr schön und lustig.

Nach dem Anschlag auf die Satire-Zeitung „Charlie Hebdo“ in Paris fragte die ganze Welt danach, was Satire darf. Der damaligen Mehrheitsmeinung zufolge darf Satire alles. Gilt das auch für den Karneval?
Nein, denn beim Karneval gibt es Grenzen, die eingehalten werden müssen. Zum Beispiel sollten wir keine Religion als Ganzes verunglimpfen. Was wir nicht tun, ist Gott, den Propheten oder Glaubensgrundlagen pauschal ins Lächerliche zu ziehen. Dafür ist der Karneval der falsche Ort. Denn Karneval ist ein Fest für alle – auch für Christen, Muslime, Buddhisten und Atheisten.

Seite 1:

„Beim Karneval gibt es Grenzen“

Seite 2:

Karneval muss das Thema Religion behandeln

Kommentare zu " Rosenmontag in Düsseldorf: „Beim Karneval gibt es Grenzen“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%