Rund 180 Tote in der Region Bingöl
Nach Erdbeben kein Lebenszeichen von 70 Kindern

Einen Tag nach dem schweren Erdbeben in der Südosttürkei hat es am Freitag kaum noch Hoffnung für etwa 70 in einem eingestürzten Schülerwohnheim verschüttete Kinder gegeben. Damit droht die Gesamtzahl der Todesopfer auf mehr als 180 zu steigen. Der Krisenstab in Ankara bestätigte bis zum Freitagnachmittag 115 Tote und mehr als 500 Verletzte.

HB/dpa BINGÖL. In der Provinzhauptstadt Bingöl kam es wegen der schlechten Versorgungslage zu Ausschreitungen. Demonstranten forderten vor allem Zelte. Die Sicherheitskräfte trieben die wütende Menge mit Warnschüssen auseinander. Regierungschef Recep Tayyip Erdogan sprach von „Provokateuren“, die die Notlage ausnutzen wollten und rief die Bevölkerung zur Ruhe auf. Der Polizeipräsident von Bingöl wurde abberufen.

Von den verschütteten Schulkindern gab es am Freitag kein Lebenszeichen mehr. Daraufhin gingen die Bergungsmannschaften dazu über, große Betonteile mit schwerem Gerät wegzuräumen. Gut 30 Stunden nach dem Beben der Stärke 6,4 auf der Richterskala, das die Region in der Nacht zum 1. Mai erschüttert hatte, holten die Retter am Vormittag noch einen Schüler lebend aus den Trümmern. In dem Heim hatten zum Zeitpunkt der Tragödie rund 200 Kinder geschlafen. Nach Angaben des Krisenstabes wurden am Nachmittag noch 67 Kinder in den Schuttmassen vermutet. 31 Schüler und ein Lehrer waren bis dahin tot geborgen worden.

Aus Angst vor Nachbeben verbrachten die Bewohner der Stadt die Nacht im Freien. Die meisten mussten sich mit eigenen Mitteln behelfen. Mehrere tausend Menschen zogen am Vormittag vor den Sitz des Provinzgouverneurs in Bingöl und protestierten gegen die unzureichende Versorgung mit Zelten. Erst als die paramilitärische Gendarmerie eingriff und minutenlang Warnschüsse in die Luft feuerte, zerstreute sich die Menge. Danach kam es zu Ausschreitungen, bei denen Steine flogen und Fensterscheiben zu Bruch gingen. Mehrere Menschen wurden leicht verletzt, mehrere vorübergehend festgenommen.

Erdogan sprach in Ankara von nachrichtendienstlichen Hinweisen, wonach in Bingöl „Provokateure“ am Werk gewesen seien, die die Notlage für ihre Zwecke ausnutzen wollten. „Solche Ereignisse kommen nicht vor, wenn es keine Provokateure gibt“, meinte Provinzgouverneur Hüseyin Avni Cos. „Sie wollen das Volk gegen den Staat und die Sicherheitskräfte aufbringen.“ Mit Blick auf die vorhandenen Zelte sagte der Gouverneur, nicht alle Wünsche könnten sofort erfüllt werden. „Wir verteilen die Zelte an die Bewohner nach dem Ausmaß der erlittenen Schäden.“ Bingöl wird - wie die meisten Provinzen im Südosten der Türkei - von Kurden bewohnt.

Der türkische Rote Halbmond hat nach eigenen Angaben bisher 3714 Zelte und 13 717 Decken in das Erdbebengebiet geschickt. Dies sei ausreichend, sagte der Präsident der Hilfsorganisation, Ertan Gönen. In der Vergangenheit sei häufig viel zu viel geschickt worden. Zelte hätten dann leer gestanden oder seien zweckentfremdet worden. Eines der zahlreichen Nachbeben hatte am Freitagvormittag auch zu einer kurzen Unterbrechung der Rettungsarbeiten an dem zerstörten Schulwohnheim geführt.

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