Russisches Atom-U-Boot gesunken
„Tragödie für die Nordflotte“

Nach dem Untergang eines ausgemusterten russischen Atom-U-Bootes mit neun Toten hat Verteidigungsminister Sergej Iwanow den verantwortlichen Offizieren Leichtsinn vorgeworfen.

HB/dpa MOSKAU. Bei einer Inspektion der Unglücksstelle in der Barentssee kritisierte er am Sonntag Sicherheitsverstöße bei der Schleppfahrt des nicht mehr seetüchtigen U-Bootes „K-159“ zur Abwrackwerft. Präsident Wladimir Putin sprach in Italien von einer „Tragödie für die Nordflotte“.

Die 107 Meter lange „K-159“ sollte mit Hilfe von Pontons von ihrem Liegeort Gremicha im Osten der Kola-Halbinsel 300 Kilometer zur Abwrackwerft nach Poljarny im Fjord von Murmansk geschleppt werden. Samstagnacht bei schwerer See riss sich das Boot los und sank nordwestlich der Insel Kildin. An Bord befinden sich zwei seit langem abgeschaltete Reaktoren.

Iwanow enthob den Kommandeur des Stützpunktes Gremicha, Sergej Schemtschuschnow, seines Postens. Er hatte die Fahrt befohlen. „Die tote Besatzung ist nicht schuld“, sagte der Minister bei einem Treffen mit den Hinterbliebenen. Gleichzeitig verbot Iwanow vorläufig den Schlepptransport ausgemusterter Atom-U-Boote. Ein zweites Atom-U- Boot aus Gremicha ereichte Poljarny am Samstag ohne Probleme.

Schiffe und Flugzeuge der Nordflotte suchten am Sonntag weiter nach den Leichen von sieben Vermissten. Wahrscheinlich seien sie aber von dem U-Boot mit in die Tiefe gezogen worden, sagte Iwanow. Der Minister gratulierte dem einzigen Überlebenden, dem Oberleutnant Maxim Zybulski, der eineinhalb Stunden im kalten Wasser der Barentssee getrieben war. Zwei weitere Seeleute wurden am Samstag tot geborgen.

Das Unglück weckte in Russland Erinnerungen an die Katastrophe des Atom-U-Kreuzers „Kursk“, der am 12. August 2000 bei einer Manöverfahrt durch die Explosion eines defekten Torpedos versenkt worden war. Damals waren alle 118 Mann an Bord ums Leben gekommen.

Umweltschützer von der norwegisch-russischen Organisation Bellona warnten vor einer Verstrahlung der fischreichen Barentssee durch die Schiffsreaktoren. Die 40 Jahre alten Reaktoren seien nicht hermetisch dicht, sagte der frühere Marineoffizier Alexander Nikitin, Vertreter von Bellona in St. Petersburg. Dagegen erklärte Iwanow, an der Unglücksstelle werde keine erhöhte Radioaktivität gemessen.

Er kündigte an, das gesunkene Atom-U-Boot solle ähnlich wie die „Kursk“ gehoben werden. Tauchroboter sichteten die „K-159“ in 238 Meter Tiefe. Eine Alternative zu der teuren und riskanten Hebung wäre eine Versiegelung des Wracks wie bei dem 1989 im Nordatlantik gesunkenen sowjetischen Atom-U-Boot „Komsomolez“.

Bei der Schleppfahrt hätten „überhaupt keine Leute an Bord sein dürfen“, sagte der frühere U-Boot-Kapitän und spätere Kommandeur der sowjetischen Schwarzmeerflotte, Eduard Baltin, dem Radiosender „Echo Moskwy“. Die „K-159“ sei bereits bei ihrer letzten regulären Fahrt 1983 undicht gewesen, berichtete er.

Das 4750 Tonnen schwere Boot, das zur ersten Generation sowjetischer Atom-U-Boote gehörte, hatte von 1963 bis 1989 in der Nordflotte gedient. In den Häfen entlang der Barentssee warten 71 alte U-Boote als tickende nukleare Zeitbomben auf ihre Entsorgung, die sich wegen Geldmangels der russischen Streitkräfte verzögert.

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