Russland Regierung verschärft Netzkontrolle nach Amokläufen

Nach drei Amokläufen innerhalb einer Woche hat das russische Telekom-Ministerium mehrere Gruppen in sozialen Netzwerken als gewaltverherrlichend blockiert. Offenbar ließen sich Täter von Amokläufen in den USA inspirieren.
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Die russische Führung hat in den vergangenen Jahren schon mehrfach die Kontrolle im Internet verschärft. Quelle: dpa
Kreml in Moskau

Die russische Führung hat in den vergangenen Jahren schon mehrfach die Kontrolle im Internet verschärft.

(Foto: dpa)

MoskauEs ist ein frostklarer Freitagmorgen in der Siedlung Sosnowy Bor (Kiefernwäldchen) unweit der burjatischen Hauptstadt Ulan-Ude östlich des Baikalsees. Irina Ramenskaja, Lehrerin für Russisch und Literatur, hält ihren Unterricht in der siebten Klasse, als plötzlich die Tür aufgeht, ein Neuntklässler einen Molotow-Cocktail in den Raum wirft und es anfängt zu brennen. Sie habe das Klassenzimmer evakuiert und die Schüler in den Korridor geführt, doch dort seien Lehrerin und Kinder auf den Täter gestoßen, der mit einer Axt auf sie einschlug, berichtet Irinas Sohn Denis später aus dem Krankenhaus. „Die Ärzte sagen, mit Mama wird alles wieder gut“, fügte der junge Mann hinzu.

Irina hat nach Angaben der Ärzte nur mittelschwere Verletzungen erlitten. Zwei der sieben Opfer jedoch sind schwer verletzt. Die meisten haben Stich- und Schnittwunden abbekommen, einem Mädchen hackte der Täter zwei Finger mit der Axt ab. Auch der Täter selbst ist unter den Verletzten. Nach Angaben der Ermittlungsbehörden hat der Jugendliche nach der Bluttat versucht, Selbstmord zu begehen.

Über sein Motiv gibt es bisher noch keine Klarheit. Mitschüler meinten zunächst, eine schlechte Schulnote habe den Amoklauf ausgelöst. Andere Quellen verweisen darauf, dass der Verdächtige sich im Internet für Gewalt verherrliche Videos interessiert haben soll.

Es ist bereits der dritte Amoklauf innerhalb einer Woche: Zwei Jugendliche hatten in einer Schule in Perm ein Klassenzimmer gestürmt, um eine Messerstecherei zu beginnen. Dabei verletzten sie sich nicht nur gegenseitig, sondern insgesamt 15 Personen, darunter auch die Lehrerin, die versuchte, die Streithähne zu trennen. Und im Uralgebiet Tscheljabinsk zückte ebenfalls bei einer Schulhofschlägerei einer der Beteiligten sein Messer und stieß es seinem Widersacher in die Brust.

Den Amoklauf in Perm verbinden die Behörden mit dem Massaker an der Columbine High School. 1999 hatten zwei Schüler im US-Bundesstaat Colorado zwölf Mitschüler ermordet und 24 Menschen verletzt, bevor sie sich selbst töteten. Einer der Permer Attentäter hatte sich offenbar stark für das Columbine-Massaker interessiert. Die Tat in Burjatien wiederum sei mit der medialen Aufmerksamkeit der Täter in Perm zu erklären, meint die Psychologin Oxana Sawtschuk. „Das heutige Ereignis ist leider eben deshalb passiert, weil das Verbrechen in Perm, so eine große Aufmerksamkeit erfuhr und somit die Schüler aus Ulan-Ude dazu provoziert hat, ebenfalls diesen Ruhm zu suchen“, sagte sie.

Während die Behörden noch Ermittlungsverfahren gegen die Täter, aber auch die Schulleitung (wegen Fahrlässigkeit) führen, hat sich die Politik in Moskau bereits zu Wort gemeldet: Das Telekom-Ministerium hat mehrere Gruppen in sozialen Netzwerken als gewaltverherrlichend blockiert. „Ohne Gerichtsentscheidung können drei Arten von Gruppen blockiert werden: Aufrufe zum Amoklauf – das gilt als Terrorismus, Aufrufe zu destruktivem Verhalten – das gilt als Extremismus, sowie die Verführung von Minderjährigen zu Gewalt gegen sich selbst – das ist Aufruf zum Selbstmord“, teilte Vizeminister Alexej Wolin mit.

Seinen Angaben nach trägt die Abschaltung von Internetseiten durch die Behörden aber „keinen massenhaften Charakter“, sondern ist auf Einzelfälle beschränkt. In der Duma wird die Regierung noch zu deutlich schärferem Vorgehen aufgefordert: „Wir brauchen eine harten Filter gegen solche Columbine-Gruppen und eine systematische Arbeit mit den sozialen Netzwerken“, forderte der Abgeordnete Igor Sapko von der Regierungspartei „Einiges Russland“. In Russland seien die Netzkontrollen viel zu lasch, gegenüber Europa sei das russische Internet weit offener, sagte er.

Andere Abgeordnete fordern, verstärkte Sicherheitsmaßnahmen an den Schulen. So sei etwa eine durchgängige Ausrüstung mit Metalldetektoren und Wachleuten an den Eingängen nötig.

Ob allein Kontrollmaßnahmen helfen, ist fraglich: Die russische Führung hat in den vergangenen Jahren schon mehrfach die Kontrolle im Internet verschärft; teilweise auch unter dem Vorwand eines besseren Jugendschutzes. Die Statistik zeigt bisher keine Verbesserung der Situation: Innerhalb des vergangenen Jahres wurden zwölf bewaffnete Angriffe von Schülern in Schulen registriert; mehrfach auch unter Einsatz von Schusswaffen.

Experten warnen deshalb vor übereilten Handlungen allein im Internet: „Ohne ein Verständnis für die Ursachen, schaffen wir nur scheinbare Lösungen für das Problem und verstecken sie in einer informellen Rumpelkammer“, sagte der für Internetfragen zuständige Präsidentenberater German Klimenko. Tatsächlich ist das Problem bei weitem nicht auf das Internet beschränkt. Lehrer in Russland klagen über zunehmende Gewalt und Aggression der Schüler. Schulpsychologen gibt es allerdings bei weitem noch nicht an jeder russischen Bildungseinrichtung. Auch die Lehrer selbst sind zunehmend mit bürokratischen Arbeiten eingedeckt und haben weniger Zeit, sich um die Probleme ihrer Schüler zu kümmern.

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