Schiffsunglück auf der Wolga
Ermittler geben Unternehmern und korrupten Behörden eine Mitschuld

Der Kapitän des Unglücksschiffs auf der Wolga missachtete die Unwetterwarnung. Dass aber ein marodes Schiff ohne Lizenz Menschen befördert, sei ohne korrupte Behörden nicht möglich, mutmaßen die Ermittler.
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MoskauNach der Schiffskatastrophe auf der Wolga mit mehr als 110 Toten haben Taucher auch die Leiche des Kapitäns geborgen. Damit stieg die Zahl der an die Wasseroberfläche gebrachten Opfer am Dienstagmorgen auf 71. ach Angaben des russischen Ministeriums für Notlagen konnten 79 der 208 Passagiere gerettet werden. 58 Personen wurden noch vermisst. Das Schiff war nur für 140 Personen zugelassen. Die Chancen, weitere Überlebende zu finden, sind gering.

In dem Wrack der „Bulgaria“, die am Sonntag bei einem Sturm untergegangen war, wurden auch noch Dutzende Kinderleichen vermutet. Die Taucher seien bisher nicht in den Schiffsteil vorgedrungen, wo sich die Mädchen und Jungen zum Feiern zusammengefunden hatten, bevor das Schiff sank, hieß es.

Nach dem schwersten Schiffsunglück in Russland seit mehr als 20 Jahren gedachte das Land mit einer Staatstrauer der Opfer. An öffentlichen Gebäuden wurden Fahnen auf Halbmast gesenkt, größere Veranstaltungen wurden abgesagt. Das Fernsehen verzichtete auf Werbe- und Unterhaltungssendungen. In der Stadt Kasan legten Menschen an der Wolga Blumen nieder und zündeten Kerzen an.

Russische Ermittler warfen den Betreibern der „Bulgaria“ erneut grobe Verstöße vor. So sei das Schiff technisch marode gewesen und ohne nötige Lizenz gefahren. Die Schuld liege aber nicht allein an den Unternehmern, sie würden Verantwortungslosigkeit und korrupte Strukturen ausnutzen, hieß es in russischen Medien. „Ohne Protektion von oben kann man ein solches Geschäft nicht betreiben.“

Überlebende der Havarie nannten zahlreiche technische Mängel an der über 55 Jahre alten „Bulgaria“ als eine der Ursachen für den Untergang. „Der Kahn knarrte wie ein alter Leiterwagen“, sagte einer der Passagiere. Das von einem Unwetter aufgewühlte Wasser sei durch die offenen Bullaugen geströmt und habe das Schiff innerhalb von drei Minuten zum Kentern gebracht.

Zudem hatte das Ausflugsschiff deutlich zu viele Menschen an Bord. Der Kapitän missachtete nach Darstellung der Behörden Unwetterwarnungen und transportierte die Passagiere ohne Lizenz.

Die „Bulgaria“ wurde 1955 in der damaligen Tschechoslowakei gebaut und gehörte einem örtlichen Reiseveranstalter. Nach Angaben des russischen Tourismusverbandes war das Schiff seit Jahren nicht gewartet worden. Zudem habe die „Bulgaria“ über keine Trennwände im Inneren verfügt und sei deshalb recht fragil gewesen, sagte ein Tourismusexperte.

An der Unglücksstelle etwa drei Kilometer vom Ufer entfernt waren weiterhin mehr als 100 Taucher sowie 300 Helfer im Einsatz. Der Zivilschutz kündigte an, die Zahl der Einsatzkräfte noch einmal zu erhöhen, um die Leichen rasch zu bergen.

Vorbereitet wurde außerdem ein Großeinsatz zur Bergung der „Bulgaria“. Dabei erhoffen sich Ermittler weiteren Aufschluss darüber, wie das Schiff innerhalb nur weniger Minuten sinken konnte. Die russische Regierung hat eine Überprüfung der Binnenflotte angekündigt und will alte Doppeldeckerschiffe vom Typ der „Bulgaria“ aus dem Verkehr ziehen.

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dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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DAPD Deutscher Auslands-Depeschendienst GmbH / Nachrichtenagentur

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  • Der Russe sollte seine Binnenwasserstraßen für den Verkehr von nicht-russischen Schiffen endlich freigeben. Damit käme auch dort Konkurrenz ins Haus. Diese Schlampereien und die Korruption könnte besser erkannt und bekämpft werden.

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