Schlüsselfigur muss sterben
Harry Potter kommt zur Geisterstunde

Der britische Handel liebt Preis- und Werbeschlachten. Doch morgen startet die Branche eine völlig neue Runde im Kampf um König Kunde: Die Insel erlebt die „Buchschlacht des Jahres“. Wunderwaffe ist der fünfte Band von Harry Potter, um den schon seit Wochen ein riesen PR-Rummel veranstaltet wird.

LONDON. Noch nie hat es so viele Vorbestellungen gegeben wie für die 768 Seiten starke englische Ausgabe von „Harry Potter und der Phönixorden“: Allein 300 000 Briten haben „blind“ vorbestellt. Zum Verkaufsstart heute Nacht um Punkt 00.01 Uhr (britische Zeit) werden in den USA 8,5 Mill. Bücher ausgeliefert, in Großbritannien rund 2,5 Mill. Exemplare.

Angeheizt hat den Run auf das Kultbuch in Großbritannien auch eine bisher einmalige Rabattschlacht. So wurde der „Phönixorden“ bereits zum halben Preis angeboten, als das Buch noch gar nicht gedruckt war. Anders als in Deutschland gilt in Großbritannien keine Buchpreisbindung. Darum hat Online-Händler Amazon auch aus Deutschland, wo der neue Band erst am 8. November erscheint, 70 000 Bestellungen für die englische Ausgabe. Diese unterliegt nicht der Preisbindung, kostet je Anbieter im Internet zwischen 16,90 und 20 Euro. Insgesamt zählt Amazon weltweit eine Million Vorbestellungen.

Die deutsche Ausgabe des „Phönixorden“ aus dem Carlsen-Verlag wird rund 1000 Seiten haben und mit 28,50 Euro deutlich teurer sein. Carlsen will die erste Auflage mit „deutlich über einer Million“ Exemplaren starten. Von den ersten vier auf deutsch erschienenen Bänden seien bereits 15,5 Mill. Stück verkauft worden.

In England dürfte kein Band des neuen Potter für die empfohlenen 16,99 £ über den Ladentresen gehen. Nicht nur die großen Buchketten, vor allem Online-Händler und Supermärkte wie Tesco oder Asda wollen ihren Anteil am britischen Buchmarkt mit Dumpingpreisen wie 7,64 £ (plus Versand) erhöhen. Bislang bedienen Internet und Supermärkte nur jeweils rund 6 % der Branche – mit Harry ist da noch viel zu holen.

Die Verlierer stehen für den Verband Booksellers’ Association schon fest. Traditionelle Buchklubs und kleine Buchläden dürften kaum am „Phönixorden“ verdienen. Läden wie der „Children’s Bookshop“ etwa in Nordlondon werden auf ihren Bestellungen sitzen bleiben. „Wir haben keine Chance gegen Preise wie bei Tesco’s“, sagt Besitzerin Kate Agnew.

Vor allem Tesco will mit Potter punkten. Dafür wurde intern eigens die „Operation Hedwig“ – benannt nach Harrys Eule – ins Leben gerufen. „Das ist organisiert wie ein geheimes militärisches Kommando“, sagt ein Tesco-Sprecher. An unbekannten Orten warten Lkw-Züge, die heute Nacht zum Start entladen werden.

Von Edinburgh bis London werden dann Kinder und Eltern Schlange stehen, um zu den ersten Besitzern des Bandes zu gehören. Die Ladenkette Waterstone’s hat für den nächtlichen Verkaufsstart ihren fünfstöckigen Buchtempel am Piccadilly Circus in eine Art Disneyworld verwandelt. Kosten: 150 000 Euro. Konkurrent WHSmith mietet für sein Happening einen Bahnsteig von Londons King’s Cross Station, wo Harry im Buch zur Zauberschule abfährt.

Die neue Auflage wurde unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen gedruckt. Dennoch fand man zwei Exemplare in der Nähe einer Druckerei. Und die Polizei in Manchester fahndet nach den Dieben eines LKWs voller Harry-Potter-Büchern.

In dem einzigen TV-Interview zu ihrem neuen Werk drückte die Autorin Autorin JK Rowling gestern mächtig auf die Tränendrüse. Als sie die Szene geschrieben habe, bei der eine der Schlüsselfiguren stirbt, habe sie geweint, vertraute sie dem BBC-Reporter an. „Wenn Du Kinderbücher schreibst, musst Du ein unbarmherziger Killer sein“, lautet ihr Geständnis. Um welche Figur es sich handelt, verriet die Autorin natürlich nicht. Eine US-Zeitung, die vorab Auszüge veröffentlichte und bekanntgab, dass weder Harry, noch seine Freunde Ron und Hermine sterben werden, hat sich damit eine 100-Millionen-Dollar- Klage der Autorin eingehandelt.

Die 37-jährige Rowling, schon jetzt durch ihre Bücher reicher als die britische Königin, wird an dem neuen Band rund 30 Mill. £ verdienen. „Die einzigen, die letztlich Geld machen werden, sind die Autorin und der Verlag“, meint Sydney Davis vom Buchhandelsverband fest. Analysten schätzen, dass der „Phönixorden“ dem Verlag Bloomsbury einen zusätzlichen Gewinn von 1 Mill. £ beschert.

Geschickt hat der eher kleine Londoner Verlag die „Pottermania“ erneut angeheizt. „Niemand hat gedacht, dass nach dem letzten Buch das Potter-Phänomen noch mal gesteigert werden könnte“, sagt Nicholas Clee, Herausgeber des Magazins „Bookseller“. Doch Harry hat wieder alle Rekorde gebrochen.

Kritiker sehen jedoch die Rabattschlacht mit Sorgen. „Ein literarisches Phänomen wird benutzt, um Spielzeug und Fast Food zu verkaufen“, wettert Michael Jacobson, Gründer von „Save Harry.com“. Für die Buchladenketten und Supermärkte geht es beim „Phönixorden“ längst nicht mehr um Literatur: „Das Buch soll nur noch neue Kunden in die Läden bringen“, meint ein Analyst.

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