Schnee von gestern
Drogenhandel: Eine Stadt wird clean

Medellín gilt als Welthauptstadt von Drogenhandel und Kriminalität. Doch wenn jetzt Politiker aus ganz Lateinamerika kommen, dann haben sie dafür ganz andere Gründe.

MEDELLÍN. Neben diesen beiden reinen Mädchengesichtern wirkt er mit seiner verwitterten Visage und seinen linkischen Gesten wie von einem anderen Stern. Er hat einiges hinter sich, man wird es immer sehen. Néstor Raúl macht sich da keine Illusionen. Aber die eigentliche Sache ist doch, dass er es hinter sich hat, zumindest sieht es gut für ihn aus.

Er und außer ihm Christián, Carlos, Alberto, Pablo und ein paar andere, sieben Männer zwischen Mitte 20 und 40, die in einem Gemeindezentrum sitzen, hell und aufgeräumt. Sie handeln jetzt in einem höheren Auftrag, Wiedergutmachung an ihrem Land, wenn man so will. Und diese zwei Therapeutinnen mit ihren mädchenhaften Gesichtern, die mit der dunklen Welt seiner Vergangenheit nichts zu tun haben, sollen helfen. Sie hören zu, sie unterstützen sie dabei, stark zu bleiben. Ihr Beispiel wird gebraucht. Denn Néstor Raúl und die anderen hier haben es rausgeschafft aus dem ewig gleichen Kreislauf, der fast ihr ganzes Leben bestimmte. Morden, entführen, Kokain kaufen, verkaufen.

Sie kommen aus Medellín. Die älteren von ihnen wie Néstor, 38, haben noch für den Drogenbaron Pablo Escobar gearbeitet, der Medellín zum Zentrum seines weltweiten Imperiums machte – und zur inoffiziellen Welthauptstadt des Verbrechens.

Sie sind clean, ihre Stadt soll es werden und auch ihr Land. So will es die Regierung. So wollen sie es. Sie haben ihre Waffen abgegeben und die Seiten gewechselt. Sie wollen zu den Guten gehören, das macht sie zu Freiwild. Für die Männer anderer Drogenkartelle, die Söhne ihrer Opfer, für ihre eigenen Gangs, für die sie nichts sind als Deserteure. Es gibt viele unbeglichene Rechnungen in dieser Stadt.

„Ich hatte Feinde an jeder Ecke“, sagt Néstor, „aber es hat geklappt. Ich habe überlebt.“ Sie sind jetzt Köche, Studenten, Radio-Moderatoren, Lehrer, Mechaniker, sie leben mit ihren Familien, die sie vorher jahrelang nicht gesehen haben. Vor allem aber sind sie nun Vorbilder für Tausende Jugendliche, die in den armen Vierteln der Peripherie Medellíns hausen und dort den Verlockungen der Banden ausgesetzt sind. „Plötzlich", sagt einer aus Néstors Gruppe, "steht da ein Typ mit einem Schnellfeuergewehr, einem nagelneuen Motorrad und dem hübschesten Mädchen aus dem Viertel am Hals". Denen wollen sie zeigen, dass es anders geht.

„Ein Krieg zwischen der berüchtigten Farc-Guerilla und Paramilitärs hat das Land drei Jahrzehnte lang geschunden. Medellín war noch vor ein paar Jahren die Metropole mit der höchsten Mordrate weltweit. Polizei wie Drogenmafias mordeten im Akkord. Die Polizisten erschossen Gangmitglieder, die Farc und Paramilitärs ermordeten sich gegenseitig und jeden Polizisten, den sie bekommen konnten. In einigen Wohngebieten stellten Bewohner Schilder auf: "Hier bitte keine Leichen ablegen.“

2005 hat die Regierung den auch international einmaligen Versuch unternommen, schon während eines innerstaatlichen Konflikts die Täter zur Rechenschaft zu ziehen und den Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Mit beachtlichem Erfolg.

Landesweit sind die Morde und Entführungen auf so niedrigem Niveau wie seit Jahrzehnten nicht. Die Rückkehr der Söldner wie Néstors in die bürgerliche Existenz ist ein wesentlicher Grund dafür. Allein in Medellín haben mehr als 4 000 Paramilitärs seither ihre Waffen abgegeben. Die Regierung hat ihnen dafür Straffreiheit zugesichert. Sie bekommen Hilfe von Psychologen und Therapeuten und eine Ausbildung.

Im Zentrum der Stadt, wo man sich vor drei, vier Jahren nach Einbruch der Dunkelheit besser nicht mehr aufhielt, flanieren heute Menschen nach Büroschluss durch die Fußgängerzone. Die Parkbänke sind besetzt mit Liebespärchen. Die Buchhandlungen sind voll. Viele der Armenviertel, bis vor kurzem noch No-Go-Areas, sind heute zugänglich. Die „Stadt des ewigen Frühlings“ ist zu einem Pilgerzentrum für Politiker aus ganz Lateinamerika geworden. Sie wollen lernen, wie sie es heil aus dem Bermudadreieck aus Drogen, Gewalt und Armut herausschaffen können.

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