Schockreaktion
Japan: Gute Geschäfte mit bebender Erde

Faltbare Schutzhelme, Kurbelradios und Taschenlampen: Ein paar Erdstöße reichen, und schon boomt in Japan das Geschäft mit der Angst vor einem Mega-Beben. Die jüngsten Erschütterungen haben die 35 Millionen Einwohner der Metropole Tokio daran erinnert, dass es eigentlich längst überfällig ist.

TOKIO. Miho kurbelt so eifrig am Radio, dass die Rüschen auf ihrer Bluse zittern, und hält dann das Ohr an den Lautsprecher. Funktioniert das Gerät wirklich auch ohne Batterie? Mit ihrem Ehemann Yusuke steht sie vor dem Regal mit den Radios bei „Bic Camera“, einem Elektromarkt in Tokios Shoppingviertel Ginza. Sorge um ihre Sicherheit treibt sie her. Gerade hat der Boden unter Tokio wieder gebebt, und zwar gleich viermal in einer Woche. Da hat Yusuke die Ausrüstung überprüft, die er wie die meisten Tokioter daheim stets griffbereit hat: Taschenlampe, Brot in Dosen, Wasser, Zelt, Radio. Letzteres braucht Batterien. Aber: „Gestern habe ich gemerkt, dass die Batterien uralt waren“, sagt Yusuke. Also zog er mit Miho los – zum Erdbebeneinkauf bei „Bic Camera“.

Wer dort mit ihm reden will, der muss schreien. Per Megafon preist ein Mitarbeiter pausenlos Notfallartikel an: faltbare Schutzhelme oder die „space blanket“ aus superdünnem Material. Miho kurbelt noch mal am batterielosen Radio. „Jetzt bringen wir die Notfalltechnik in Schuss“, sagt Yusuke. „Wir wollen schließlich auch wissen, was los ist, wenn der Strom ausfällt.“

Ein mulmiges Gefühl hat mal wieder die eigentlich hartgesottenen Japaner erfasst, die Angst vor dem großen Erdbeben. Die jüngsten Erschütterungen haben die 35 Millionen Einwohner der Metropole daran erinnert, dass es eigentlich längst überfällig ist. 86 Jahre ist das letzte große Beben her, während Tokio zuvor etwa alle 70 Jahre heimgesucht wurde. 1923 zerstörte ein Beben Tokio fast völlig. Weil es gegen 12 Uhr geschah, als in der ganzen Stadt das Mittagessen in den Woks über Gasflammen brutzelte, verzehrte eine Feuerwalze die Holzhäuser. Mehr als 100 000 Menschen starben, Millionen verloren ihr Heim. Der Wiederaufbau Tokios kostete mehrere Hundert Milliarden Euro. Auch heute würde Tokio unter einem großen Beben leiden. Bei einer Stärke von 7,3 rechnet Japans Regierung mit Schäden von einer Billion Euro. 11 000 Menschen könnten in den ersten Stunden sterben trotz relativ erdbebensicherer Gebäude und modernen Brandschutzes.

Ebenfalls schlimm aber wären, sagen Experten wie Takehiko Yamamura vom „Disaster Prevention System Institute“ in Tokio, die Folgen für die Weltwirtschaft. Schließlich ist die globale Bedeutung Tokios seit den 20er-Jahren stark gewachsen: „Die Folgen eines Bebens in Tokio für das weltweite Wachstum wären erheblich“, sagt Katastrophenforscher Yamamura.

Würde Tokio von einem Erdbeben verheert, bräche der zweitgrößte Aktienmarkt der Welt mit Werten wie Toyota oder Sony zusammen. Eine Region mit einer Wirtschaftsleistung so groß wie die Australiens wäre für Monate gelähmt. Große Unternehmen könnten in Schieflage geraten, wie das Beispiel Sanyo zeigt. Der Elektrokonzern verlor 2004 eine Chipfabrik durch ein Erdbeben und geriet dadurch in eine Abwärtsspirale, die erst die bevorstehende Übernahme durch Panasonic beenden wird.

Schon das kleine Beben am vergangenen Montag 170 Kilometer südöstlich von Tokio in der Präfektur Shizuoka hatte Auswirkungen auf die Wirtschaft – obwohl es rund 80-mal schwächer war als das befürchtete Mega-Beben. Eine Tochterfirma von Toshiba etwa musste tagelang die Produktion von Leuchtdioden einstellen, weil Maschinen beschädigt waren. Hitachi flickt noch immer geplatzte Wasserleitungen in einer seiner Fabriken. Der Warenfluss der Zulieferer zu den großen Werken am Rande Tokios geriet ins Stocken, weil eine wichtige Autobahn gesperrt werden musste. In der Region wurden 5 500 Häuser beschädigt, einige Stadtteile haben noch immer kein Wasser. Es gab eine Tote und über 100 Verletzte.

Mancher Konzern sichert sich ab, so gut es geht. Die Eisenbahngesellschaft JR East hat von der Münchener Rück einen Teil ihres Erdbebenrisikos an den Kapitalmarkt bringen lassen: Gegen Zinsen verpflichten sich die Investoren, im Fall eines Mega-Bebens dreistellige Millionenbeträge für den Wiederaufbau von Gleisen und Bahnhöfen aufzubringen.

Andere Folgen sind unversicherbar, etwa ein Atom-„Gau“. Nur 50 Kilometer vom Epizentrum des Bebens vor einer Woche liegt das Kernkraftwerk Hamaoka. Die Reaktoren schalteten sich zwar automatisch ab, als die Erde wankte. Betreiber Chubu Electric Power musste ein Ölkraftwerk anfahren, um die 500 Megawatt Leistung zu ersetzen.

Andere Wirtschaftszweige profitieren allerdings auch von Erdbeben. Die Aktienkurse von Baufirmen stiegen in der Erdbebenwoche deutlich – obwohl der Wiederaufbau in Shizuoka angesichts nur geringer Schäden kaum große Aufträge verspricht.

Wann das große Beben kommt, weiß niemand. Jedenfalls sagen kleine Beben nichts über die Gefahr eines großen aus. Seismologen halten die Aufregung deshalb für übertrieben. „Es gibt keinen Zusammenhang zwischen den Beben“, sagt Yasuo Sekita, Leiter der Abteilung Erdbeben- und Tsunamiüberwachung des Nationalen Wetteramts in Tokio. Doch viele Japaner haben nicht vergessen, dass dem verheerenden Erdbeben in Kobe vor fünfzehn Jahren einige kleinere Erdstöße vorangingen. Auch im Sommer vor der Zerstörung Tokios im September 1923 gab es 170 Erdbeben – solche Muster bleiben im kollektiven Gedächtnis.

Andererseits bebt in Japan wegen seiner Lage an der Bruchzone von gleich vier Erdplatten pro Tag rund 250-mal irgendwo die Erde, meistens merken die Bürger jedoch nichts davon, weil die Beben zu schwach sind, um Straßen, Brücken oder Häuser zu erschüttern.

Wenn die Erde aber spürbar wankt, frohlocken die Anbieter von Katastrophenausrüstung, ihre Aktienkurse steigen ebenso wie ihre Umsätze. Auch dieses Mal haben große Kaufhausketten wie „Tokyu Hands“ wieder flugs ihr Angebot an Katastrophenwaren ausgeweitet. Der Elektroladen „Bic Camera“ in Ginza hat im Untergeschoss sogar einen regelrechten Erdbebenmarkt eingerichtet. Hier stehen Yusuke und Miho nun, sie kurbeln noch einmal am Radio und horchen. Ja, tatsächlich, es funktioniert, und das ganz ohne Batterien. Gekauft.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking
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