Schuften macht sexy
Liebe auf der Kostenstelle

Herz klopfen schon beim Gang ins Büro. Schmetterlinge im Bauch während der Konferenz. Taktisch angesetzte Überstunden: Wie der "Parfum-Faktor" die Produktivität am Arbeitsplatz fördert.

DÜSSELDORF. Herz klopfen schon beim Gang ins Büro. Schmetterlinge im Bauch während der Konferenz. Taktisch angesetzte Überstunden. Reger E-Mail-Verkehr mit verbal-erotischen Untertönen. Ganz zu schweigen von diesem neuen Engagement, welches die Arbeit ganz plötzlich von einer öden Pflichtnummer mutieren lässt zur sonnigen Kür.

Der geschasste Boëing-Chef Harry Stonecipher ist kein Einzelfall. Im 21. Jahrhundert entpuppt sich der Arbeitsplatz als die Kontaktbörse schlechthin. 20 bis 35 Prozent aller Ehen werden laut Meinungsforschungsinstitut GEWIS im Büro geknüpft. Männermagazine behaupten gar, 90 Prozent aller Flirts begännen zwischen Fax und Flur. Schuften macht sexy.

Auch bei den deutschen Promis macht Eros vor der Bürotür nicht halt: Modedesignerin Gabriele Strehle hat ihren Chef geheiratet. Daimler-Boss Jürgen Schrempp seine Assistentin. Bei Boëing wäre er wohl gefeuert worden. Und Focus-Markwort liebt Bunte-Riekel. Selbst Microsoft-Mogul Bill Gates fand seine Frau Melinda French auf der eigenen Gehaltsliste. Muss er sich jetzt selbst entlassen? „Ja, wo denn sonst als am Arbeitsplatz“, fragt der Münchener Unternehmensberater Günter Gross provokant, „soll die Masse an jungen hormonell funktionierenden Leuten ihren Partner kennen lernen, wenn die Freizeit immer knapper wird?“

Gelegenheit macht Liebe, das ist wohl ein Grund für die zunehmende Paarbildung im Job. Schließlich sind mittlerweile über 40 Prozent aller Angestellten weiblich. Und oft rekrutiert sich der Freundeskreis der arbeitenden Bevölkerung in Gänze aus Kollegen. Die Arbeit wird zum sozialen Lebensmittelpunkt. Da wird der Arbeitsplatz – vor allem in den kreativen Berufen – zur erotischen Vermittlungszentrale.

Außerdem: Sich im Büro zu verbandeln ist effektiver als in anderen Balzstätten wie Kneipe, Restaurant oder Sportplatz. Anders als am Tresen, wo beim Anbaggern meist dick aufgetragen wird, findet die Pirsch im Job bedächtiger statt. Das Objekt der Begierde kann in vielen Facetten in Augenschein genommen werden: Ist er ein notorischer Morgenmuffel oder etwa ein Betriebs-Casanova? Klatscht sie andauernd? Oder kann man mit ihr Pferde stehlen?

Der erotisch-emotionale Kick zwischen Konferenz und Kantine kommt wohl auch vom „Parfum-Faktor“, wie das Experten nennen. „Nirgends ist man so gut gestylt, so gepflegt und so frisch wie im Job“, sagt die Berliner Kommunikationstrainerin Meike Müller, die das Buch „Rendezvous am Arbeitsplatz“ verfasst hat. Das US-Fachblatt „Psychology Today“ spricht gar von einer „Liebesexplosion am Arbeitsplatz“. Und begründet die damit, dass „wir heute alle mehr von uns in den Job einbringen“.

Vor allem das Arbeiten in kleinen Teams sorgt für größere Intimität im Kollegium. Aus der Sozialforschung ist bekannt: Nähe verbindet. Stress im Übrigen auch. Häufiger Kontakt und Gemeinsamkeiten (etwa: gleiche Ausbildung, Interessen, Werte und Ziele) beschleunigen die gegenseitigen Anziehungskräfte, fördern Freundschaften. Bisweilen eben auch Sex und Liebe auf derselben Kostenstelle.

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