Schwedische Akademie

Sexskandal überschattet Nobelpreisgala

Nach den Vorwürfen gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein mehren sich weltweit die Vorwürfe wegen Vergewaltigung und sexueller Belästigung, meist von Männern. Jetzt gerät auch die schwedische Akademie ins Zwielicht.
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Der diesjährige Literaturnobelpreisträger Kazuo Ishiguro an der Schwedischen Akademie in Stockholm. Quelle: dpa
Kazuo Ishiguro

Der diesjährige Literaturnobelpreisträger Kazuo Ishiguro an der Schwedischen Akademie in Stockholm.

(Foto: dpa)

StockholmDie Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Im Stockholmer Stadthaus direkt am Ufer des Mälarsees herrscht seit Wochen Generalprobenstimmung. Stühle werden gerückt, Tische gedeckt, die Festbeleuchtung angebracht und die Küche für die Sterneköche installiert. Am Sonntag, dem 10. Dezember, werden wie in jedem Jahr die Nobelpreisträger ausgezeichnet. Das größte öffentliche Abendessen mit den Nobelpreisträgern und im Beisein des schwedischen Königshauses sowie der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Prominenz gehört in Schweden zum Dezember wie das Luciafest. Und doch ist in diesem Jahr alles anders.

Denn die altehrwürdige schwedische Akademie, die für die Vergabe des Literaturnobelpreises verantwortlich ist, durchlebt dieser Tage die wohl schwerste Krise seit ihrer Gründung im Jahre 1786. Es geht um sexuelle Übergriffe, um Duldung und Vertuschung. Und es geht um den Ruf der Akademie.

Angefangen hatte alles in den USA. Der Hollywood-Produzent Harvey Weinstein wurde von Dutzenden Frauen beschuldigt, sie sexuell belästigt, genötigt und sogar vergewaltigt zu haben. Nach den schweren Vorwürfen meldeten sich hunderttausende weiterer Frauen aus aller Welt, die unter dem Hashtag #metoo ebenfalls von sexuellen Belästigungen durch Männer berichteten. In Schweden beschuldigten zunächst einige Frauen einen der bekanntesten und beliebtesten Fernsehstars der sexuellen Belästigung. Der TV-Sender beendete die Zusammenarbeit. Ähnliches widerfuhr einer lesbischen Rundfunkmoderatorin, die über Jahre Mitarbeiterinnen belästigt haben soll. Auch sie musste gehen.

Nach diesen Vorfällen fassten immer mehr Frauen Mut, über sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz zu berichten. So lasen bekannte schwedische Schauspielerinnen schockierende Schilderungen über sexuelle Belästigungen am Theater oder bei Dreharbeiten vor. Insgesamt 456 Schauspielerinnen unterzeichneten einen offenen Brief in der Tageszeitung „Svenska Dagbladet“. Es war so etwas wie ein Startschuss: Nur kurz darauf meldeten sich Rechtsanwältinnen, Ärztinnen, Schülerinnen, Krankenschwestern. Und noch ist kein Ende der Aufarbeitung von sexuellen Belästigungen am Arbeitsplatz zu sehen.

Das Thema beschäftigt die schwedische Öffentlichkeit seit Wochen. Vor allem die Vorwürfe, ein der Schwedischen Akademie nahestehendes „Kulturprofil“, wie der Mann in der Presse genannt wird, habe seine Position ausgenutzt und mehrere Frauen sexuell belästigt. Sogar von Vergewaltigungen ist die Rede. Das alles habe zum Teil in den Räumen der Akademie oder in von ihr angemieteten Wohnungen stattgefunden. Schlimmer noch: Mehrere Akademie-Mitglieder sollen von den groben Übergriffen gewusst, aber nichts unternommen haben.

Mag sein, dass die Untätigkeit daran gelegen hat, dass der Mann mit einem Mitglied der 18-köpfigen Akademie verheiratet ist. Mag auch sein, dass in dem von Männern dominierten Gremium grobe Verfehlungen geduldet werden. Außerdem hat der Mann über Jahre hinweg finanzielle Unterstützung für diverse Kulturveranstaltungen von der Akademie erhalten. Es gab also enge Verbindungen zwischen der altehrwürdigen Institution und dem nun Beschuldigten. Für die Akademie kommen die Enthüllungen zur Unzeit. Am Sonntag werden die diesjährigen Nobelpreisträger ausgezeichnet, und eigentlich sollte das wie alle Jahre zuvor der Höhepunkt des Nobeljahres sein.

Doch statt Festlaune herrscht nun Entsetzen bei den einen, peinliche Stille bei anderen. „Dieser Bastard“, entfuhr es dem früheren Ständigen Sekretär der Schwedischen Akademie, Peter Englund, als er auf die Vorwürfe angesprochen wurde. Er habe davon erst jetzt aus der Presse erfahren, beteuerte der langjährige Sprecher der Akademie. Sein Zorn begründet sich auch auf die Vorwürfe, dass das „Kulturprofil“ mindestens dreimal den Namen des Literaturnobelpreisträgers im Vorfeld der Bekanntgabe verraten haben soll: So habe er 2004 gegenüber Bekannten angedeutet, dass Elfriede Jelinek die höchste literarische Auszeichnung erhalte. Das soll auch im Folgejahr mit Harold Pinter und 2014 mit Patrick Modiano geschehen sein.

Die jetzige Ständige Sekretärin der Akademie, Sara Danius, hat eine lückenlose Aufarbeitung der Vorkommnisse gelobt. Auch das Königshaus hat sich eingeschaltet. König Carl Gustaf ließ sich vergangene Woche von der Sprecherin über die Vorfälle unterrichten. „Wir sind schockiert über die Informationen, die nun ans Tageslicht gekommen sind“, erklärte sie nach dem Gespräch. „Wir nehmen das äußerst ernst“. Der König wollte sich nicht äußern.

Danius hat eine Untersuchung der schweren Vorwürfe angeordnet. Eine Anwaltskanzlei wird in den kommenden Wochen alle Mitglieder der Akademie befragen. „Wenn ein Ergebnis vorliegt, werden wir es veröffentlichen“, so Danius. Trotz des Skandals, der die Schwedische Akademie derzeit erschüttert, werde ihr das die Freude auf die feierliche Preisverleihung und das anschließende Bankett aber nicht vermiesen, beteuerte sie. „Im Gegenteil sind wir froh, dass es das Nobelfest gibt“. 

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